Gerechtigkeit und Anerkennung statt Blumen

Gerechtigkeit und Anerkennung statt Blumen

Heute wird der Muttertag gefeiert. Inzwischen ein wichtiger Konsumfaktor für unsere Wirtschaft. Während viele Familien den Tag mit (hoffentlich nachhaltigen) Blumen und kleinen Gesten feiern, zeigt sich für zahlreiche Mütter ein anderes Bild: Steigende Lebensmittelpreise, hohe Wohnkosten und unzureichende Familienleistungen verschärfen die finanzielle Not – und treiben viele Mütter unter die Armutsgrenze. Dazu kommen die Auswirkungen von Mental Load und ungleicher Verteilung von Care-Arbeit. Die psychische Belastung vieler Mütter ist neben der finanziell angespannten Lage enorm. 

 

Die aktuell veröffentlichten Armutszahlen der Statistik Austria zeigen deutlich: Frauen sind in der Armutsstatistik weiterhin überrepräsentiert. Rund 600.000 Frauen in Österreich gelten als armutsgefährdet, 121.000 davon sogar erheblich armutsbetroffen – sie können sich grundlegende Dinge nicht mehr leisten. Besonders betroffen sind Mindestpensionistinnen, Mehrkindhaushalte und Haushalte mit einer weiblichen Hauptverdienerin. Auch am Arbeitsmarkt ist die Situation für Frauen aktuell angespannt.

„Die Zahlen zeigen unmissverständlich: Der Muttertag darf kein Symboltag bleiben. Alleinerziehende und ihre Kinder tragen das höchste Armutsrisiko in unserer Gesellschaft. Wenn wir nicht gegensteuern, werden sich diese Entwicklungen in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Wir brauchen daher wirksame und nachhaltige Unterstützung für Mütter in Not und ihre Kinder.“

Caritasdirektor Klaus Schwertner

 

Weitere psychische Belastungen durch Care-Arbeit und Mental Load

Während der Muttertag für Dankbarkeit und Wertschätzung von Müttern steht, sieht der Alltag zahlreicher Mütter anders aus: Viele von ihnen leiden täglich unter den Auswirkungen von Mental Load und unbezahlter Care-Arbeit.

Mental Load bezeichnet unsichtbare, kognitive Arbeit wie Planen, Organisieren und Erinnern. Care-Arbeit bezeichnet sichtbare Arbeit, wozu unter anderem Hausarbeit, Kinderbetreuung, die Pflege von Angehörigen und ehrenamtliche Tätigkeiten zählen.

Frauen verbrachten im Jahr 2024 durchschnittlich 43% mehr Zeit mit unbezahlter Care-Arbeit als Männer. Dies entspricht 1 Stunde und 16 Minuten pro Tag. Dieser Unterschied wird Gender-Care-Gap genannt. Neben Hindernissen in der Karriere, finanzieller Benachteiligung, potenzieller Altersarmut und wenig Sicherheit hat der Gender-Care-Gap auch Mehrfachbelastungen, Erschöpfung und Stress zur Folge, was zu körperlichen und psychischen Problemen und Erkrankungen wie Schlafstörungen, Burnout oder depressiven Symptomen führen kann.

„Unbezahlte und ungleich verteilte Care-Arbeit stellt eine große psychische Belastung dar, die die Entstehung psychischer Erkrankungen begünstigen kann. Die Wertschätzung von Frauen darf nicht auf einen Tag im Jahr beschränkt bleiben – es braucht grundlegende gesellschaftliche und politische Veränderungen in der Anerkennung der Care-Arbeit von Frauen.“

BÖP-Präsidentin Beate Wimmer-Puchinger

 

Weitere Artikel zum Mutttertag:

Ein Pestizidcocktail zum Muttertag

Muttertag – Wa(h)re Mutterliebe

Sir David Attenborough ist 100 Jahre alt geworden

Sir David Attenborough ist 100 Jahre alt geworden

Kaum ein anderer Mensch hat unsere Sicht auf die Erde so geprägt wie er. Über Jahrzehnte hinweg hat Attenborough Millionen Menschen nicht nur beeindruckende Bilder der Natur gezeigt, sondern ein Verständnis dafür geschaffen, wie fragil und gleichzeitig wie komplex die Systeme unseres Planeten tatsächlich sind.

Zu einer Zeit, in der Klimawandel, Artensterben und Ressourcenknappheit oft noch als Randthemen galten, hat er bereits dokumentiert, was heute immer sichtbarer wird: Die ökologische Krise ist keine abstrakte Zukunftsfrage, sondern Realität.

 

Ein Leben für den Planeten

David Attenborough wurde am 8. Mai 1926 in London geboren.
Seit den 1950er Jahren arbeitet er als Naturforscher, Autor und Dokumentarfilmer.
Er produzierte und moderierte einige der erfolgreichsten Naturdokumentationen der Geschichte, darunter „Planet Earth“, „Blue Planet“, „Frozen Planet“ und „Our Planet“.
Seine Arbeit erreichte über Jahrzehnte hinweg ein weltweites Publikum und machte Biodiversität, Klimawandel und den Zustand der Ozeane zu globalen Themen.
Bis heute gilt er als eine der wichtigsten Stimmen im Bereich Natur- und Umweltschutz.

Was Attenborough besonders gemacht hat, war nie nur die Qualität seiner Filme. Sein eigentlicher Beitrag lag darin, wissenschaftliche Zusammenhänge verständlich und emotional greifbar zu machen. Er hat gezeigt, dass das Verschwinden einzelner Tierarten nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern direkte Auswirkungen auf ganze Ökosysteme, Wirtschaftsräume und letztlich auf menschliche Gesellschaften hat.

Während viele Debatten kurzfristig geführt werden, hat Attenborough immer in größeren Zeiträumen gedacht. Seine Dokumentationen machen sichtbar, wie stark der Mensch in wenigen Jahrzehnten Landschaften, Meere und Klimasysteme verändert hat — und wie schnell biologische Vielfalt verloren geht, wenn wirtschaftliche Interessen dauerhaft über ökologische Stabilität gestellt werden.

 

Warum das relevant bleibt

Die ökologische Krise ist längst keine reine Umweltfrage mehr. Sie beeinflusst globale Lieferketten, Ernährungssicherheit, Migration, geopolitische Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung. Genau deshalb gewinnen Stimmen wie die von David Attenborough weiter an Bedeutung.

Seine Botschaft war dabei selten ideologisch. Sie war vor allem beobachtend. Wer die Natur zerstört, zerstört langfristig die Grundlage jeder funktionierenden Wirtschaft und jeder stabilen Gesellschaft.

100 Jahre David Attenborough stehen deshalb nicht nur für eine außergewöhnliche persönliche Lebensleistung. Sie stehen auch für ein Jahrhundert, in dem die Menschheit mehr Wissen über ihren Planeten gesammelt hat als jemals zuvor — und gleichzeitig schneller denn je dessen natürliche Grundlagen gefährdet hat.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung seines Lebenswerks: Nicht nur zu zeigen, wie schön diese Erde ist, sondern wie viel auf dem Spiel steht.

Bildquelle: Wikimedia Commons / FCDO (CC BY 2.0)

German Overshoot Day  – ab morgen leben wir auf Pump

German Overshoot Day – ab morgen leben wir auf Pump

Wenn alle Menschen auf der Welt so leben und wirtschaften würden wie wir in Deutschland, wäre bereits am 10. Mai das Budget an nachhaltig nutzbaren Ressourcen und ökologisch verkraftbaren Emissionen für das gesamte Jahr aufgebraucht. Wir bräuchten 2,8 Erden, wenn alle Menschen so leben würden wie wir. Dieses Datum zeigt nicht nur den hohen Ressourcenverbrauch, sondern auch, dass Deutschland im globalen Vergleich die Klimakrise stärker mit anheizt, als oft angenommen wird, vor allem durch seinen hohen Konsum und Pro-Kopf-Ausstoß an Treibhausgasen. Der deutsche Erdüberlastungstag markiert den Tag, ab dem wir bis Jahresende quasi ungefragt Schulden bei anderen machen: bei Menschen im globalen Süden, die deutlich weniger verbrauchen als ihnen zustünde, sowie bei Kindern und nachfolgenden Generationen, die mit den Folgen der jahrzehntelangen Übernutzung umgehen müssen. Der Tag wird jährlich vom Global Footprint Network (GFN) errechnet.

 

Earth Overshoot Day schätzt Verbrauch der natürlichen Ressourcen

Das Global Footprint Network errechnet jedes Jahr für den gesamten Planeten und einzelne Staaten, wann die Menschheit das Budget der Natur für das Jahr aufgebraucht hat. Der Earth Overshoot Day ist eine Schätzung und basiert auf den National Footprint and Biocapacity Accounts. Zum Nationale Footprint, der auch als ökologischer „Bedarf“ eines Landes bezeichnet wird, zählt die Fläche, die nötig ist, um den Konsum eines Landes oder der Welt zu decken. Dieser Konsum beinhaltet pflanzenbasierte Lebensmittel und Fasern, tierische Produkte, Fischereiprodukte, Holz und andere Waldprodukte, Fläche für Infrastruktur und Siedlungen und Wälder zur Aufnahme von CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen.

Earth Overshoot Day so früh wie noch nie

Unter “ Biokapazität“ fallen alle biologisch produktive Flächen und Gewässer eines Landes oder weltweit (z. B. Wälder, Ackerland, Weiden, Fischgründe, bebaute Flächen).

Daher handelt es sich bei dem Datum um einen Näherungswert und nicht um ein genaues Datum. Dennoch geben sie einen guten Hinweis darauf, wie viel größer die menschliche Nachfrage ist als die Fähigkeit unseres Planeten, die gesamte Nachfrage unserer Volkswirtschaften zu decken.

 

Bild: Global Footprint Network 2026, www.overshootday.org and www.footprintnetwork.org

 

Gesamt gesehen verbrauchen die Industriestaaten deutlich mehr Ressourcen als andere Nationen. Von den G20-Staaten liegen nur Kanada, die Vereinigten Arabischen Emiraten, USA, Australien, Südkorea und Russland vor Deutschland. Auch wenn die Entwicklung in den letzten zehn Jahren leicht in eine positive Richtung gegangen ist, passiert dies viel zu langsam.

 

Die großen Treiber unseres Ressourcenhungers

Unser großer Ressourcenverbrauch hängt einerseits mit unserem erheblichen Konsum von Fleisch und tierischen Prdoukten und der damit verbundenen landwirtschaftlichen Nutzung unserer Flächen zusammen. In Deutschland werden rund 60 Prozent der Agrarfläche für die Produktion von Futtermitteln verwendet. Unter anderem belegen Untersuchungen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), dass eine weltweite Umstellung auf eine nachhaltige und fleischarme Ernährung die Chancen für eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius deutlich erhöhen würde.

Desweiteren sind die fossile Energieerzeugung mit Kohle und Erdgas, die Auto- und Flugmobilität , sowie der Energieverbrauch im Gebäudesektor für unseren hohen Verbrauch mitverantwortlich. Nur der Umstieg auf erneuerbare Energien, die Abkehr von Verbrenner-Autos, der Verzicht auf Langstreckenflüge, die Verwendung alternativer fossilfreier Heizsysteme und nachhaltigere Bauweisen sowie die Umstellung auf ein Kreislaufsystem unserer Wirtschaftsproduktion kann den Earth Overshoot Day signifikant nach hinten verschieben.

Die Folgen dieses hohen Ressourcenverbrauchs sind bereits heute deutlich sichtbar in der Klima- und der Biodiversitätskrise. Weltweit schwächen wir unsere Ökosysteme und zerstören Lebensräume, unter anderem durch Abholzung für Landwirtschaft, Bodenversiegelung, Überfischung, steigende Treibhausgasemissionen, Umweltverschmutzung und intensive Monokulturen.

Damit destabilisert unser Lebensstil destabilisiert gleichzeitig die natürlichen Erdsystemprozesse, die diese Ressourcen überhaupt bereitstellen. Überschreiten wir die planetaren Grenzen unserer einstmals gesunden Erdsysteme – wir sind am besten Weg dahin –  begeben wir uns in eine unsichere bis stark risikoreiche Zukunft, in der die Folgen für uns Menschen immer schwerer vorhersehbar werden.

Heute schon sehen wir deutliche Anzeichen für folgende Entwicklungen:

Missernten werden häufiger, weil Böden unfruchtbar und das Wetter extremer werden
Wasserknappheit nimmt in vielen Regionen zu
Viele Gegenden werden durch steigende Meeresspiegel, Dürre und Hitze unbewohnbar und zwingen Menschen zur Flucht
Die weltweite Artenvielfalt und Biodiversität bricht weiter ein (Insekten, Pflanzen, Tiere verschwinden) – mit unabsehbaren Folgen
Wirtschaftliche und soziale Spannungen nehmen zu, weil Ressourcen knapper werden

Wir haben die Verpflichtung für kommende Generationen, um genau das zu verändern. Die Lösungswege sind bekannt, die notwendigen Mittel sind vorhanden, jetzt müssen wir entschlossen handeln und Verantwortung übernehmen.

 

Aktion der Deutschen Umwelthilfe „Handys für die Umwelt“

Zum deutschen Earth Overshoot Day am 10.Mai startet die Deutsche Umwelthilfe (DUH) die bundesweite Sammlung „Handys für die Umwelt“. Ziel ist es, Elektroschrott zu vermeiden, wertvolle Ressourcen zurück in den Kreislauf zu bringen und das Klima zu schützen. Das ist dringend nötig, denn der Tag, an welchem hierzulande alle natürlichen und regenerierbaren Ressourcen aufgebraucht sind, wird Jahr für Jahr immer früher erreicht.

In Deutschland werden jährlich rund 20 Millionen Smartphones verkauft. Für ihre Herstellung werden massenhaft wertvolle Rohstoffe benötigt – runtergebrochen sind das etwa 340 Kilogramm Gold, 4.200 Kilogramm Neodym und 132.000 Kilogramm Kupfer. Die Umweltbilanz von Smartphones verbessert sich vor allem durch eine möglichst lange Nutzung: Bereits ein aufbereitetes Smartphone spart rund 14 Kilogramm Ressourcen und 58 Kilogramm Treibhausgasemissionen ein.

Zur DUH-Handysammlung: https://www.duh.de/informieren/ressourcen-und-abfall/handys-fuer-die-umwelt/

 

Earth Overshoot Day: Österreich hat heute alle natürlichen Ressourcen eines Jahres verbraucht

Ganz Österreich ist derzeit von gelbem Staub bedeckt und genau das ist kein gutes Zeichen

Ganz Österreich ist derzeit von gelbem Staub bedeckt und genau das ist kein gutes Zeichen

Der gelbe Staub, der sich derzeit über viele Regionen legt, ist weit mehr als nur ein saisonales Naturphänomen. In vielen Fällen handelt es sich um massiven Blütenstaub von Fichten — und genau dieser gilt Forstexperten zunehmend als mögliches Stresssignal für unsere Wälder. Die anhaltende Trockenheit der letzten Monate und Jahre hat zu dem Phänomen des „Mastjahres“ geführt.

Fichten reagieren auf langanhaltenden Stress oft mit einer besonders intensiven Blüte. Die intensive Trockenheit und geschwächte Böden setzen den Bäumen zunehmend zu. Die starke Pollenproduktion ist biologisch betrachtet ein Versuch der Bäume, ihre Fortpflanzung zu sichern, bevor sich die Bedingungen weiter verschlechtern. Während früher sogenannte „Mastjahre“, also Jahre mit extrem starker Blüte, alle 4 bis 6 Jahre verzeichnet wurden, nimmt die Häufigkeit zu. Auch andere Baumarten wie Buche, Eiche, Tanne und Ahorn blühen unterschiedlich stark.

Besonders problematisch ist dabei, dass geschwächte Wälder gleichzeitig anfälliger für Schädlinge wie den Borkenkäfer werden. Die Folgen sind bereits in vielen Regionen sichtbar: mehr Schadholz, instabilere Waldflächen und steigender ökologischer Druck.

Die Erwärmung trifft Österreich besonders stark

Österreich erwärmt sich deutlich schneller als der globale Durchschnitt. Seit dem 19. Jahrhundert ist die Durchschnittstemperatur hierzulande bereits um mehr als 2 Grad Celsius gestiegen. Hitzeperioden dauern länger, Böden trocknen stärker aus und extreme Wetterereignisse nehmen zu.

Gerade Fichten leiden darunter massiv. Viele der heutigen Bestände wurden ursprünglich für ein kühleres und feuchteres Klima angelegt. In tieferen Lagen geraten diese Wälder inzwischen zunehmend an ihre Belastungsgrenzen.

Daten und Fakten

Rund 48 Prozent der Fläche Österreichs sind bewaldet. Gleichzeitig verzeichnen Forstbetriebe seit Jahren massive Schäden durch Trockenheit und Borkenkäferbefall. Allein in den vergangenen Jahren mussten Millionen Festmeter Schadholz verarbeitet werden.

Experten gehen davon aus, dass sich die Zusammensetzung unserer Wälder in den kommenden Jahrzehnten deutlich verändern wird. Widerstandsfähigere Mischwälder könnten vielerorts die klassischen Fichtenmonokulturen ersetzen. Leider gehen mancherorts die Entwicklungen in Richtung Anbau nicht heimischer Arten wie der Douglasie, die dann wiederum in Monokulturen gesetzt werden.

Der Wald verändert sich bereits

Die gelben Ablagerungen auf Autos, Straßen und Fensterbänken wirken harmlos. Tatsächlich machen sie aber sichtbar, wie stark sich unsere Wälder bereits unter dem Druck der Klimaveränderung verändern.

Der Wald der Zukunft wird nicht mehr derselbe sein wie jener, den Mitteleuropa über Jahrzehnte kannte. Die Veränderung hat längst begonnen und bietet die Chance, aus den Fehlern der letzten Jahrzehnte zu lernen und einen klimaresilienten, den heimischenArten entsprechenden Mischwald wachsen zu lassen. Damit würde auch die Artenvielfalt wider zunehmen.

Waldbrandgefahr steigt stark an

Die fortschreitende Erderhitzung verschiebt und verschärft die Waldbrandgefahrenlage deutlich. Besonders die Kombination aus anhaltender Trockenheit, steigenden Temperaturen und anfälligen oder geschwächten Wäldern führt dazu, dass sich das Risiko räumlich ausbreitet und auch ehemals nicht gefährdete Gebiete sich in Risikogebiete verwandeln.

Österreichweit Ewigkeitschemikalie in Trinwasser nachweisbar

Österreichweit Ewigkeitschemikalie in Trinwasser nachweisbar

Erstmals wurden über einen Zeitraum von zwei Jahren österreichweit Leitungswasserproben aus ganz Österreich durch GLOBAL 2000 auf die Ewigkeitschemikalie Trifluoracetat (TFA) untersuchen lassen. Das Ergebnis: 54 von 55 untersuchten Proben enthalten TFA. Die Proben wurden insgesamt 44 Wasserversorgungsanlagen zugeordnet, die zusammen rund 3,9 Millionen Menschen mit Trinkwasser versorgen. Auffällig ist, dass Regionen mit intensiver landwirtschaftlicher Nutzung tendenziell höhere Werte aufweisen als andere.

 

Die gemessenen Konzentrationen reichen von 0,05 bis 4,6 µg/l. Alle untersuchten Proben liegen zudem über dem aus dem Pestizidrecht abgeleiteten Vorsorgeschwellenwert von 0,1 µg/l für relevante Metaboliten im Grundwasser.

„Die Trinkwasseranalysen zeigen deutlich: Mit TFA hat sich eine Ewigkeitschemikalie im Wasserkreislauf festgesetzt. Die Konzentrationen, die wir gefunden haben, stellen alles in den Schatten, was behördliche Trinkwasseruntersuchungen bisher an Pestzid- oder PFAS-Belastungen gezeigt haben. Das ist aus Vorsorgeperspektive ein klares Warnsignal“, sagt Helmut Burtscher-Schaden, Umweltchemiker bei GLOBAL 2000.

Ewigkeitschemikalie TFA in unserem Trinkwasser

Die Ergebnisse im Überblick

Ein europaweit harmonisierter Trinkwassergrenzwert für TFA existiert derzeit nicht. Der in den Niederlanden und Belgien/Wallonien geltende Vorsorgeleitwert von 2,2 µg/l – der derzeit niedrigste Trinkwasserleitwert für TFA – wurde in drei Fällen überschritten. Der deutlich höhere deutsche Leitwert von 60 µg/l wird hingegen von keiner Probe erreicht.

Auffällig sind regionale Unterschiede: Höhere Belastungen wurden vor allem in Oberösterreich, Niederösterreich und der Steiermark gemessen. Die niedrigsten Werte finden sich in Tirol, Vorarlberg, Salzburg und Kärnten sowie im Wiener Hochquellwasser. Auch im Burgenland zeigen die untersuchten Stichproben vergleichsweise moderate TFA-Belastungen. Burtscher-Schaden: “Die Daten zeigen trotz begrenzter Stichprobengröße ein konsistentes Muster: Regionen mit intensiver landwirtschaftlicher Nutzung weisen tendenziell höhere Konzentrationen auf als alpine Regionen.”

 

Keine akute Gesundheitsgefahr, aber Vorsorge notwendig

TFA ist ein extrem langlebiges Abbauprodukt von PFAS-Pestiziden und fluorierten Gasen. Die Substanz ist in der Umwelt sehr stabil, weltweit verbreitet und lässt sich aus dem Trinkwasser technisch kaum entfernen. Auch wenn Trinkwasser nicht die wichtigste Aufnahmequelle für TFA ist, trägt es zur Gesamtbelastung bei.

Umweltmediziner Hans Peter-Hutter: „Nach derzeitigem Kenntnisstand stellen die gemessenen TFA-Konzentrationen im Trinkwasser kein unmittelbares Gesundheitsrisiko dar. Aufgrund der extremen Persistenz und der zunehmenden Belastung ist Vorsorge jedoch entscheidend – und das heißt, die Einträge dieser Stoffe rasch zu reduzieren. TFA wird als reproduktionstoxisch bewertet; zudem gibt es Hinweise auf hormonelle und immunologische Wirkungen. Da die Umweltbelastung seit Jahren zunimmt – vor allem durch PFAS-Pestizide und fluorierte Gase –, ist ohne Gegenmaßnahmen mit einem weiteren Anstieg zu rechnen. Aus ärztlicher Sicht gilt es, das zu verhindern.“

 

Wasserverbände in Europa fordern Ausstieg aus TFA-Vorläufersubstanzen

Zahlreiche europäische Wasserverbände sprechen sich bereits klar für ein konsequentes Vorgehen aus. Der europäische Dachverband EurEau fordert Verboten für PFAS-Pestizide, F-Gase und andere TFA-Vorläufersubstanzen. Auch nationale Verbände wie DANVA (Dänemark), Vewin (Niederlande) oder die deutsche Allianz der öffentlichen Wasserwirtschaft drängen auf einen Ausstieg aus PFAS-Pestiziden und eine rasche Umsetzung des europäischen PFAS-Beschränkungsvorschlags.

 

Gemeinsame Forderung: Einträge stoppen, Grenzwerte festlegen

GLOBAL 2000 und die Ärzt:innen für eine gesunde Umwelt fordern von Umweltminister Totschnig, rasch Maßnahmen zur Eindämmung von TFA und zum Schutz der Wasserressourcen in Österreich zu ergreifen und sich auch auf europäischer Ebene entsprechend einzubringen:

Ausstieg aus fluorierten Gasen, PFAS-Pestiziden und vergleichbaren TFA-Vorläufersubstanze
rasche Festlegung eines europaweit harmonisierten, vorsorgeorientierten Grenzwerts für TFA im Trinkwasser
verpflichtendes Monitoring sowie transparente Veröffentlichung der Messdaten
keine Abschwächung bestehender Schutzstandards im Bereich Pestizide

„TFA verschwindet nicht. Wenn wir die Einträge nicht stoppen, wird die Belastung weiter steigen – im Wasser, in Lebensmitteln und letztlich im Menschen“, so Burtscher-Schaden abschließend.

Weitere Details zur Methodik und zu den Einzelergebnissen finden Sie hier.

EU-Entwaldungsverordnung: Vereinfachungen und Anpassungen

EU-Entwaldungsverordnung: Vereinfachungen und Anpassungen

Die EU-Kommission hat am 4. Mai 2026 für das EU-Waldschutzgesetz (EUDR) grünes Licht gegeben. Die Entwaldungsverordnung wurde bereits 2023 mit großer Mehrheit beschlossen und verbietet den Import von Rohstoffen, die mit Entwaldung oder Waldschädigung in Verbindung stehen. Die EU-Kommission hatte eine Frist bis Ende April gesetzt, um Anpassungen und weitere Vereinfachungen der EUDR zu prüfen und entsprechende Vorschläge dem Parlament vorzulegen. Die Verordnung bleibt – anders als von manchen Industrievertreter:innen gewünscht – grundsätzlich erhalten und damit wirksam.

 

Über den Import von Agrarrohstoffen wie Soja, Kakao, Palmöl oder Rindfleisch ist der heimische Konsum eng mit der Abholzung tropischer Wälder verknüpft. Gleichzeitig wirkt sich die globale Entwaldung indirekt auf das Klima in Europa aus und verschärft Extremwetterereignisse wie Hitze und Dürren.

Trotz eines Rückgangs der globalen Waldverluste bleibt die Zerstörung der tropischen Regenwälder auf einem besorgniserregend hohen Niveau, warnt der WWF anlässlich eines Ende April veröffentlichten Berichts des World Resources Instituts. Allein im Jahr 2025 gingen rund 4,3 Millionen Hektar Primärregenwald verloren – eine Fläche etwa so groß wie Dänemark.

Die  – sehr umstrittene und von Branchenvertretern als Bürokratiemonster bezeichnete – Entwaldungsverordnung verpflichtet EU-Unternehmen, nachzuweisen, dass ihre Produkte nicht von entwaldeten Flächen stammen und unter Einhaltung der Rechtsvorschriften des Erzeugerlandes produziert wurden. Sie umfasst sieben Rohstoffe (Rinder, Kakao, Kaffee, Ölpalme, Kautschuk, Soja und Holz) sowie daraus gewonnene Erzeugnisse.

Die Europäische Kommission hat mit 30. April ein Informationspaket zur Umsetzung der EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) vorgelegt. Das Paket umfasst unter anderem aktualisierte Leitlinien und FAQs, einen Bericht zur Vereinfachung sowie Anpassungen am EUDR-Informationssystem.

Abbau von Klimaschutzgesetzen in EU geht mit Entwaldungsverordnung weiter

Die Neuerungen im Überblick

Vereinfachungen des zentralen Berichts

Diese sollen 75% der Compliance-Kosten einsparen, was besonders auf primärerzeugende Kleinst- und Kleinunternehmen, auf Akteure in der nachgelagerten Lieferkette sowie auf Importeure aus Niedrigrisikoländern zutrifft.

Zwei zentrale Datenbanken

Die Kommission kündigt an, zentrale Datenbanken zu den relevanten Rechtsvorschriften der Erzeugerländer und zu Zertifizierungssystemen für EUDR-relevante Rohstoffe noch vor Anwendungsbeginn aufzubauen, sodass die einzelnen Unternehmen diese Daten zentral zur Verfügung stehen haben.

Leitfaden und FAQs werden aktualisiert

Nur mehr der Importeur muss eine eigene Sorgfaltserklärung abgeben, nachgelagerte Akteure einer Lieferkette müüsen nur noch mit den üblichen Geschäftsdaten, die auf Rechnungen ersichtlich sind, erfasst werden. Für kleine Primärerzeuger:innen aus Niedrigrisikoländern reicht ab sofort eine einmalige einfache Erklärung statt der Sorgfaltserklärung.

Änderungen im Produktumfang

Löslicher Kaffee sowie bestimmte Palmöl-Derivate einschließlich Seife mit Palmöl sowie gefrorene Rinderzungen sollen in den Produktumfang aufgenommen werden. Häute, Felle und Leder von Rindern sollen gestrichen werden. Begründet wird die Streichung von Leder mit der wirtschaftlich geringen Bedeutung von Rinderhäuten gegenüber Rindfleisch.  Erzeugnisse aus Bambus, Rattan oder ähnlichen holzartigen Materialien fallen nicht in den Anwendungsbereich.

 

Der Anwendungsbeginn bleibt der 30. Dezember 2026. Allerdings gibt es folgende Staffelung:

Große und mittlere Unternehmen sowie Kleinst- und Kleinunternehmen aus dem Holzsektor: 30. Dezember 2026.
Andere Kleinst- und Kleinunternehmen: 30. Juni 2027.

 

Reaktionen von Branchenvertretern der Industrie und NGOs

Umwelt-NGOs wie Greenpeace und Südwind kritisieren die Streichung von Leder als Erfolg der Industrielobby. Durch die Leder-Ausnahme werde das Gesetz bereits vor dem Start massiv entwertet, denn die Fakten sprechen eine klare Sprache: Die Rinderzucht ist die treibende Kraft hinter der Vernichtung wertvoller Ökosysteme, insbesondere im brasilianischen Amazonasgebiet. Innerhalb von rund 20 Jahren – zwischen 2001 und 2022 – wurde für neue Weiden weltweit eine Waldfläche so groß wie ganz Spanien gerodet.

Besonders problematisch sei die Situation in Brasilien, so Südwind. Dort ist die Lederindustrie nicht nur ein wirtschaftlicher Schlüsselsektor, sondern auch eng mit Menschenrechtsverletzungen, illegaler Abholzung und Gewalt gegen indigene Gemeinschaften verknüpft. Gleichzeitig ist die Europäische Union ein zentraler Absatzmarkt für Leder: 2020 wurde Leder aus Brasilien im Wert von 2,5 Milliarden Euro in die EU importiert.

Im Gegensatz dazu gehen die Vereinfachungen den Branchenvertretern nicht weit genug. Sie sehen immer noch einen zu großen Bürokratieaufwand auf die Unternehmen zukommen und fordern praxisnahe Umsetzungsmöglichkeiten.

 

Link

REPORT FROM THE COMMISSION TO THE EUROPEAN PARLIAMENT AND
THE COUNCIL „Simplification review on the Regulation (EU) 2023/1115 on the making available on the
Union market and the export from the Union of certain commodities and products
associated with deforestation and forest degradation (EUDR)“, 4.5.2026

 

WWF-Studie: Unser Schoko-Hunger treibt Entwaldung in den Tropen massiv voran

Österreich: Anstieg der Treibhausgas-Emissionen für 2025 ist harter Rückschlag

Österreich: Anstieg der Treibhausgas-Emissionen für 2025 ist harter Rückschlag

Das österreichische Umweltbundesamt (UBA) hat eine erste Abschätzung für die Treibhausgas-Emissionen (THG) im Jahr 2025 erstellt: Nach diesen Berechnungen steigen die Emissionen 2025 nach Jahren erstmals wieder. Die Gründe dafür liegen laut UBA vorwiegend in einer höheren Industrieproduktion und höherem Verbrauch fossiler Energien aufgrund kühlerer Wintermonate. Der geringere Dieselverbrauch, bereits beschlossene und umgesetzte Maßnahmen zur Treibhausgasreduktion und die anhaltend schwache wirtschaftliche Entwicklung haben diese Entwicklung zwar gedämpft, konnten den Rückschritt aber nicht wettmachen.

 

Keyfacts im Überblick

Nach der ersten Abschätzung des Umweltbundesamtes sind die THG-Emissionen 2025 um 1% im Vergleich zu 2024 gestiegen.
Das entspricht einem Zunahme von rund 0,7 Mio. Tonnen CO2-Äquivalent.
Insgesamt wurden 2025 Emissionen in der Höhe von rund 67,3 Mio. Tonnen emittiert.
Trotz Überschreitung der EU-rechtlichen Höchstmenge dürfte Österreich sein Ziel für die Abrechnungsperiode 2021 bis 2025 einhalten.
Im Sektor Verkehr gab es 2025 die größte THG-Reduktion durch verminderten Dieselverbrauch (minus 6,3%).
Im Sektor Gebäude wurde ein deutlicher THG-Zuwachs um 7,4% verzeichnet, bei der Energieerzeugung und industriellen Produktion ein Plus von 5,6%.

 

„Der Klimaschutz in Österreich ist ins Stocken geraten, obwohl die Forschung klar zeigt, dass durch diese Verschleppung Milliardenkosten und hohe Schäden entstehen. Ein echter Weckruf für die Regierung“, erklärt Klimaforscher Gottfried Kirchengast vom Wegener Center der Uni Graz und sieht dringenden politischen Handlungsbedarf.

Laut der im Auftrag des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft (BMLUK) erstellten Prognose des UBA lassen sich die Ursachen für den Anstieg der Treibhausgasemissionen im Jahr 2025  auf eine höhere Industrieproduktion, mehr Stromerzeugung in Gaskraftwerken aufgrund niedrigerer Wasserstände in den Flüssen und auf einen höheren Heizenergiebedarf bei Endverbraucher:innen im Vergleich zu 2024 zurückführen.

Dämpfend haben 2025 der deutlich geringere Dieselverbrauch, bereits beschlossene und umgesetzte Maßnahmen zur Treibhausgasreduktion und die anhaltend schwache wirtschaftliche Entwicklung in Österreich gewirkt. Dadurch ergibt sich für die Sektoren außerhalb des Emissionshandels ein differenzierteres Bild: Obwohl die EU-rechtliche Höchstmenge an Treibhausgasemissionen im Jahr 2025 überschritten wird, legen die aktuellen Berechnungen nahe, dass Österreich das Ziel für die Abrechnungsperiode 2021 bis 2025 einhalten dürfte.

„Unsere Abschätzung für das Jahr 2025 zeigt einen Anstieg der Treibhausgas-Emissionen um ca. ein Prozent. Das zeigt einmal mehr, wie notwendig es ist, kontinuierlich Klimaschutzmaßnahmen umzusetzen und auf Erneuerbare Energieträger umzusteigen.“

Günther Lichtblau, Klimaexperte des Umweltbundesamts

 

Ausblick Emissionshandel 2025

Im Emissionshandelsbereich ist nach den vorläufigen Daten (Datenstand Februar 2026) gegenüber 2024 ein Anstieg um 1,5 Mio. Tonnen CO2-Äquivalent (6,3 Prozent) auf insgesamt 25,4 Mio. Tonnen zu erwarten. Demnach wurde 2025 deutlich mehr Erdgas für die Stromerzeugung als 2024 eingesetzt. In der produzierenden Industrie kommt der Emissionszuwachs insbesondere aus der Stahlproduktion.

 

Emissionstrends in den Wirtschaftssektoren

Für die Sektoren außerhalb des Emissionshandels rechnen die Expert:innen des Umweltbundesamts in ihrer ersten Analyse für 2025 mit rund 41,8 Mio. Tonnen CO2-Äquivalent. Das bedeutet einen Rückgang um rund 2 Prozent (0,8 Mio Tonnen) gegenüber 2024. Damit liegen die Emissionen 1,1 Mio. Tonnen über der für 2025 gültigen Höchstmenge von rund 40,7 Mio. Tonnen CO2-Äquivalent.

Einen deutlichen Emissionszuwachs verzeichnen die Expert:innen im Sektor Gebäude (rund 7,4 Prozent). Die Entwicklung in diesem Sektor ist maßgeblich von der Witterung abhängig. So werden 2025 deutlich mehr Heizgradtage verzeichnet als in den überdurchschnittlich warmen Jahren davor. Dies zeigt sich auch im Verbrauch von Heizöl und Erdgas.

Im Sektor Verkehr wird hingegen eine deutliche Abnahme der Emissionen (rund 6,3 Prozent) erwartet. Dies ist wiederum auf den geringeren Dieselverbrauch zurückzuführen.

 

Eine Prognose des Wegener Centers der Uni Graz ortete in nachlassendem Tempo beim Ausbau erneuerbarer Energien einen der Hauptgründe für die Zunahme.

„Unsere Prognose auf Basis der weltweiten Daten bis November 2025 zeigt einen Temperaturanstieg von 1,48 °C im langfristigen Mittel. Nur eine drastische Reduktion des Ausstoßes kann diese bedrohliche Entwicklung bremsen. Gleichzeitig birgt das große Chancen für eine zukunftsfähige Wirtschaft. Wir brauchen ein aktives Klimaschutz-Management auf allen Ebenen. Das reicht von gesetzlich verankerten Rahmenzielen über entsprechende Vorgaben und Anreize für Unternehmen bis hin zu einem klimafreundlichen Lebensstil in unserem eigenen, persönlichen Bereich.“

Klimaforscher Gottfried Kirchengast vom Wegener Center der Uni Graz

 

Elektromobilität auf zwei Rädern: unterschätzter Hebel der urbanen Transformation

Elektromobilität auf zwei Rädern: unterschätzter Hebel der urbanen Transformation

Die Diskussion über Elektromobilität ist vom Auto dominiert – strategisch ist das ein Fehler. Elektrische Roller und Motorräder liefern in Städten oft schneller messbare Effekte bei Kosten, Energie und Flächennutzung. Für pro.earth ist das ein Systemthema: weniger Ressourcen pro Kilometer, schnellere Skalierung, geringere Infrastrukturkomplexität.

 

Warum elektrische Zweiräder strukturell überlegen sind

Elektrische Zweiräder sind in urbanen Kurz- und Mittelstrecken deutlich effizienter als Autos. Sie benötigen weniger Energie, weniger Material und weniger Platz – drei Engpässe, die Städte gleichzeitig adressieren müssen. Während Elektroautos Emissionen reduzieren, aber Verkehrs- und Platzprobleme kaum lösen, erhöhen Zweiräder die Kapazität bestehender Straßen.

Bei Flächennutzung liegt der Unterschied bei einem Faktor von etwa 5–10: Ein Auto belegt im Schnitt 10–12 m² Parkfläche, ein Roller 1–2 m². Das ist kein Detail, sondern ein Skalierungsfaktor für Städte.

 

Daten und Fakten

Energieverbrauch: Elektrische Roller liegen typischerweise bei etwa 3–6 kWh pro 100 km. Elektroautos bewegen sich meist im Bereich von 15–20 kWh pro 100 km.
Betriebskosten: Stromkosten pro 100 km liegen bei Zweirädern häufig unter 1 €, bei Elektroautos eher bei 3–6 € (je nach Strompreis).
Anschaffung: Elektrische Roller starten in Europa oft im Bereich von 2.000–6.000 €, elektrische Motorräder etwa 6.000–15.000 €. Elektroautos liegen typischerweise deutlich darüber.
Wartung: Bis zu 30–50 % geringere Wartungskosten im Vergleich zu Verbrenner-Zweirädern, da weniger bewegliche Teile.
Markt: Weltweit werden jährlich über 50 Millionen Zweiräder verkauft, ein signifikanter Anteil davon bereits elektrifiziert, insbesondere in Asien. Europa wächst zweistellig, aber von kleinerer Basis.
Emissionen: Selbst im europäischen Strommix liegen die CO₂-Emissionen pro Kilometer bei elektrischen Zweirädern deutlich unter denen von Verbrenner-PKW – oft um den Faktor 3–5 geringer.

Diese Zahlen sind keine Feinjustierung, sie zeigen eine klare Richtung: deutlich bessere Effizienz bei gleichzeitig niedrigeren Kosten.

 

Wo die Grenzen liegen und warum sie trotzdem sekundär werden

Reichweite (oft 50–150 km), Wetterabhängigkeit und Sicherheit bleiben reale Einschränkungen. Auch regulatorische Fragen (Zulassung, Geschwindigkeit, Führerschein) sind fragmentiert. Aber: Der Großteil urbaner Fahrten liegt unter 10 km. Genau dort spielen Zweiräder ihre Stärke aus.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob sie das Auto vollständig ersetzen, sondern wie viel Anteil sie realistisch übernehmen können. Schon eine Substitution von 10–20 % der urbanen PKW-Kilometer hätte messbare Effekte auf Emissionen, Stau und Flächenverbrauch.

 

Rekordausgaben für Militär – 2,9 Billionen gegen die Zukunft

Rekordausgaben für Militär – 2,9 Billionen gegen die Zukunft

Der aktuelle Bericht des Stockholm International Peace Research Institute macht die Dimension klar: Die weltweiten Militärausgaben sind auf rund 2,9 Billionen US-Dollar gestiegen. Seit über einem Jahrzehnt wachsen diese Budgets kontinuierlich. Allein die drei größten Akteure – USA, China und Russland – vereinen mehr als die Hälfte dieser Summe auf sich.

Das ist keine Randentwicklung, sondern eine massive globale Ressourcenverschiebung. Europa verzeichnet aktuell die stärksten Wachstumsraten, während parallel in Asien und anderen Regionen ebenfalls weiter aufgerüstet wird. Die Richtung ist eindeutig: Mehr Kapital, mehr Technologie, mehr politische Aufmerksamkeit fließen in militärische Kapazitäten.

 

Technologischer Fortschritt, strategisch fehlgeleitet

Gleichzeitig investieren wir enorme Summen in künstliche Intelligenz, Automatisierung und neue industrielle Systeme. Diese Technologien könnten helfen, Energie effizienter zu nutzen, Emissionen drastisch zu senken und globale Versorgungssysteme stabiler zu machen.

Stattdessen wird ein wachsender Teil dieser Innovationskraft in militärische Anwendungen integriert. KI-gestützte Systeme, autonome Plattformen und datengetriebene Entscheidungsmodelle erhöhen nicht primär unsere Fähigkeit, globale Probleme zu lösen, sondern unsere Fähigkeit, Konflikte effizienter zu führen.

Die zentrale Frage ist nicht, ob wir technologisch vorankommen. Die Frage ist, wofür wir diesen Fortschritt einsetzen.

 

Eine Frage der Prioritäten – mit absehbaren Konsequenzen

2,9 Billionen US-Dollar jährlich sind keine abstrakte Zahl. Das ist Kapital, das nicht in die Transformation von Energiesystemen, in Klimaanpassung oder in den Aufbau resilienter Infrastrukturen fließt. Während die physikalischen Auswirkungen des Klimawandels längst messbar sind, bleibt die globale Reaktion darauf strukturell unterdimensioniert.

Hier entsteht ein klarer Zielkonflikt: Wir investieren massiv in die Absicherung gegen geopolitische Spannungen, während wir gleichzeitig die Grundlagen unserer eigenen Stabilität vernachlässigen. Militärische Stärke kann keine zerstörten Ökosysteme stabilisieren, keine Wasserknappheit lösen und keine klimabedingten Migrationsbewegungen aufhalten.

 

Ein oft übersehener Punkt in dieser Debatte ist die reine Größenordnung der notwendigen Investitionen.

Der Historiker Yuval Noah Harari argumentiert, dass rund zwei Prozent der globalen Wirtschaftsleistung ausreichen könnten, um die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels einzudämmen. Diese Größenordnung liegt in derselben Liga wie die aktuellen Militärausgaben. Anders gesagt: Die Mittel, die wir heute in Aufrüstung lenken, bewegen sich bereits auf einem Niveau, das theoretisch ausreichen würde, um die ökologische Stabilisierung ernsthaft voranzutreiben.

Das Problem ist nicht fehlendes Kapital, sondern Priorisierung. Während die Finanzierung militärischer Kapazitäten politisch schnell mobilisiert wird, bleibt die Transformation von Energie- und Infrastruktursystemen fragmentiert und unterfinanziert. Die Konsequenz ist ein strukturelles Ungleichgewicht: Wir reagieren entschlossen auf kurzfristige Bedrohungsszenarien, während wir bei langfristigen, physikalisch unausweichlichen Risiken zögern. Genau diese Diskrepanz entscheidet darüber, ob technologische und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit langfristig stabilisierend wirkt – oder ob sie lediglich effizienter in eine instabile Zukunft führt.

 

Warum Glück kein Zufall ist – und was der neue World Happiness Report 2026 wirklich zeigt

Warum Glück kein Zufall ist – und was der neue World Happiness Report 2026 wirklich zeigt

Der neue World Happiness Report 2026 liefert auch in diesem Jahr ein vertrautes Bild: Die glücklichsten Länder der Welt liegen überwiegend im Norden Europas. Doch hinter den stabilen Rankings zeigen sich Verschiebungen, die für Wirtschaft, Gesellschaft und politische Steuerung deutlich relevanter sind als die bloße Platzierung.

 

Warum Stabilität mehr zählt als Wachstum

An der Spitze steht erneut Finnland, gefolgt von Ländern wie Dänemark, Island und Schweden. Diese Staaten eint weniger ihr Wohlstandsniveau als vielmehr die Qualität ihrer Institutionen. Vertrauen in Regierung, geringe Korruption und belastbare soziale Netze wirken sich stärker auf die Lebenszufriedenheit aus als kurzfristiges Wirtschaftswachstum.

Der Bericht zeigt damit eine klare Verschiebung: Klassische ökonomische Kennzahlen verlieren an Erklärungskraft. Entscheidend ist, wie stabil und berechenbar ein System für den Einzelnen funktioniert. Länder mit hoher Volatilität – politisch oder wirtschaftlich – schneiden selbst bei steigendem Einkommen deutlich schlechter ab.

 

Junge Generation unter Druck

Auffällig ist 2026 vor allem die Entwicklung bei jungen Menschen. In vielen westlichen Industrienationen sinkt die Lebenszufriedenheit der unter 30-Jährigen spürbar. Ursachen sind steigende Lebenshaltungskosten, Unsicherheit am Arbeitsmarkt und eine zunehmende Wahrnehmung struktureller Ungleichheit.

Diese Entwicklung ist mehr als ein soziales Signal. Sie deutet auf ein strukturelles Risiko hin: Wenn zentrale Altersgruppen Vertrauen in Zukunftsperspektiven verlieren, wirkt sich das langfristig auf Produktivität, Innovationskraft und gesellschaftliche Stabilität aus.

Ungleichheit wird zum zentralen Faktor

Ein weiterer Trend: Die Unterschiede innerhalb von Ländern nehmen zu. Der Report zeigt, dass nicht nur das durchschnittliche Glücksniveau zählt, sondern auch dessen Verteilung. Gesellschaften mit wachsender Ungleichheit verlieren insgesamt an Zufriedenheit – selbst wenn einzelne Gruppen profitieren.

Damit verschiebt sich die Perspektive: Nicht das Maximum an Wohlstand, sondern die Breite seiner Verteilung wird zum entscheidenden Faktor für stabile Systeme.

 

Daten und Fakten

Finnland belegt zum wiederholten Mal Platz 1 im globalen Ranking
Die Top 4 bestehen weiterhin ausschließlich aus nordischen Ländern
Der Bericht basiert auf Daten der Gallup World Poll in über 140 Ländern
Bewertet werden unter anderem Einkommen, soziale Unterstützung, Lebenserwartung, Freiheit und Korruptionswahrnehmung
In mehreren westlichen Ländern ist die Lebenszufriedenheit der unter 30-Jährigen seit einigen Jahren rückläufig
Die Streuung der Zufriedenheit innerhalb von Ländern nimmt global zu

 

Der Bericht bleibt ein Stimmungsindikator, kein operatives Steuerungsinstrument. Seine eigentliche Aussage liegt nicht im Ranking, sondern in der Richtung: Systeme, die Vertrauen, Stabilität und Teilhabe sichern, sind langfristig robuster – ökonomisch wie gesellschaftlich.