Folge 26: Nationalpark Eifel – Wo aus ehemaligen Wirtschaftswäldern wieder Wildnis entsteht

Folge 26: Nationalpark Eifel – Wo aus ehemaligen Wirtschaftswäldern wieder Wildnis entsteht

Eine Landschaft bekommt ihre Freiheit zurück

Dichte Buchenwälder, stille Täler, klare Bäche und weite Ausblicke über bewaldete Höhenzüge: Die Eifel gehört zu den abwechslungsreichsten Naturlandschaften im Westen Deutschlands. Zwischen Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und der belgischen Grenze erstreckt sich eine Mittelgebirgsregion, die lange von Forstwirtschaft, Landwirtschaft und militärischer Nutzung geprägt war.

Heute zeigt sich hier ein bemerkenswerter Wandel. Im Nationalpark Eifel darf sich die Natur auf immer größeren Flächen wieder weitgehend ohne menschliche Eingriffe entwickeln. Ehemalige Wirtschaftswälder verwandeln sich langsam in naturnahe Lebensräume, während auf früher militärisch genutzten Flächen neue ökologische Perspektiven entstehen.

Gerade dieser Prozess macht die Region für nachhaltiges Reisen interessant. Denn die Eifel zeigt, dass Naturschutz nicht immer bedeutet, eine unberührte Landschaft zu bewahren. Manchmal besteht die größere Aufgabe darin, einer intensiv genutzten Landschaft die Möglichkeit zu geben, sich zu regenerieren.

 

Ein Nationalpark mit besonderer Geschichte

Der Nationalpark Eifel wurde 2004 gegründet und umfasst rund 110 Quadratkilometer. Er ist der erste Nationalpark Nordrhein-Westfalens und schützt vor allem Buchenwälder, Eichenwälder, Bachtäler und Offenlandlebensräume.

Seine Besonderheit liegt in der Vergangenheit vieler Flächen. Über Jahrzehnte wurden Wälder wirtschaftlich genutzt, teilweise mit schnell wachsenden Nadelbäumen bepflanzt. Andere Bereiche gehörten zum ehemaligen Truppenübungsplatz Vogelsang.

Mit der Einrichtung des Nationalparks begann ein langfristiger Veränderungsprozess. Naturferne Waldbestände werden schrittweise in Richtung naturnaher Wälder entwickelt. In geeigneten Bereichen sollen natürliche Prozesse zunehmend ohne forstwirtschaftliche Eingriffe ablaufen.

Das Ziel ist nicht, möglichst schnell einen perfekten Wald herzustellen. Vielmehr soll sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte eine vielfältige Waldlandschaft entwickeln, in der alte Bäume, Totholz, natürliche Lichtungen und unterschiedliche Entwicklungsstadien nebeneinander bestehen.

 

Wandern durch eine Landschaft im Wandel

Die Eifel bietet hervorragende Voraussetzungen für einen naturnahen Wanderurlaub. Besonders bekannt ist der Wildnis-Trail, der auf vier Etappen quer durch den Nationalpark führt. Die rund 85 Kilometer lange Route verbindet unterschiedliche Landschaften und ermöglicht einen intensiven Einblick in die Entwicklung des Schutzgebiets.

Unterwegs wechseln sich dichte Wälder, offene Höhenzüge und stille Bachtäler ab. Besonders eindrucksvoll sind die Buchenwälder, die zu den natürlichen Waldgesellschaften großer Teile Mitteleuropas gehören.

Wer weniger Zeit mitbringt, findet zahlreiche kürzere Rundwanderwege und Naturerlebnispfade. Geführte Touren mit Nationalpark-Rangerinnen und -Rangern bieten zusätzlich die Möglichkeit, ökologische Zusammenhänge besser zu verstehen.

Dabei geht es nicht nur um seltene Tierarten oder besondere Pflanzen. Oft sind es scheinbar unscheinbare Dinge, die den Wert eines natürlichen Waldes ausmachen: ein abgestorbener Baumstamm voller Insekten, junge Buchen im Schatten alter Bäume oder ein Bach, der sich seinen Lauf selbst sucht.

 

Vogelsang – vom Militärgelände zum Lernort

Eine besondere Rolle spielt die ehemalige NS-Ordensburg Vogelsang. Die Anlage wurde während der nationalsozialistischen Herrschaft errichtet und nach dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte militärisch genutzt. Das umliegende Gelände war Teil eines großen Truppenübungsplatzes.

Heute ist Vogelsang IP ein internationaler Platz für Bildung, Begegnung und Erinnerungskultur. Die historische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ist dabei ebenso wichtig wie die Entwicklung der umgebenden Landschaft.

Auf Teilen des ehemaligen militärischen Geländes haben sich wertvolle Offenlandlebensräume erhalten. Diese Flächen bieten Lebensraum für spezialisierte Pflanzen und Tiere und unterscheiden sich deutlich von den angrenzenden Wäldern.

Das Beispiel zeigt, wie komplex Naturschutz sein kann. Während in vielen Waldgebieten natürliche Entwicklung im Vordergrund steht, benötigen manche offenen Lebensräume gezielte Pflege, damit sie nicht vollständig verbuschen.

Nachhaltigkeit bedeutet hier, unterschiedliche ökologische Anforderungen zu verstehen und entsprechend zu handeln.

 

Anreise und Mobilität – die Eifel ohne Auto entdecken

Die Nationalparkregion ist von Köln, Bonn und Aachen aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Bahnhöfe wie Kall und Heimbach dienen als Ausgangspunkte für die Weiterreise mit regionalen Buslinien.

Der Nationalpark ist zudem in das regionale Wanderwegenetz eingebunden. Dadurch lassen sich verschiedene Touren mit Bus und Bahn kombinieren, ohne zum Ausgangspunkt zurückkehren zu müssen.

Besonders interessant sind Angebote, bei denen Wanderer einzelne Etappen zurücklegen und anschließend mit öffentlichen Verkehrsmitteln weiterreisen können.

Allerdings bleibt die Mobilität in ländlichen Regionen eine Herausforderung. Nicht jeder Ausgangspunkt ist gleich gut erreichbar, und manche Verbindungen verkehren nur eingeschränkt. Eine sorgfältige Planung gehört deshalb zu einem autofreien Aufenthalt dazu.

Gerade für die Zukunft nachhaltiger Ferienregionen wird entscheidend sein, öffentliche Verkehrsmittel nicht nur für Einheimische, sondern auch für Urlaubsgäste attraktiv und einfach nutzbar zu gestalten.

 

Wildtiere und die Rückkehr natürlicher Lebensräume

Mit der Entwicklung naturnaher Wälder verbessern sich langfristig auch die Lebensbedingungen vieler Tierarten.

Wildkatzen gehören zu den bekanntesten Bewohnern der Eifel. Die scheuen Tiere benötigen strukturreiche Wälder mit ausreichend Rückzugsmöglichkeiten. Auch Schwarzstörche, Spechte, Fledermäuse und zahlreiche Insektenarten profitieren von geeigneten Lebensräumen.

Eine wichtige Rolle spielt dabei Totholz. Während abgestorbene Bäume in Wirtschaftswäldern häufig entfernt werden, bleiben sie in natürlichen Waldökosystemen liegen oder stehen. Dort dienen sie Pilzen, Käfern und anderen Organismen als Lebensraum.

Für Besucher ist das manchmal ungewohnt. Ein Wald mit umgestürzten Bäumen und abgestorbenen Stämmen wirkt weniger aufgeräumt als ein klassischer Forst. Ökologisch kann er jedoch deutlich vielfältiger sein.

Gerade diese Erkenntnis gehört zu den wichtigsten Botschaften des Nationalparks: Ein gesunder Wald muss nicht ordentlich aussehen.

 

Übernachten und regionale Kulinarik

Rund um den Nationalpark finden sich kleinere Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen und familiengeführte Gasthäuser. Orte wie Heimbach, Schleiden oder Gemünd eignen sich als Ausgangspunkte für Wanderungen und Naturerlebnisse.

Wer nachhaltig reisen möchte, kann gezielt nach Unterkünften suchen, die regionale Lebensmittel verwenden, ressourcenschonend wirtschaften und Informationen zur autofreien Mobilität anbieten.

Auch die Küche der Eifel ist eng mit ihrer ländlichen Geschichte verbunden. Kartoffelgerichte, regionale Fleisch- und Wurstspezialitäten, Brot und saisonales Gemüse prägen die traditionelle Gastronomie.

Hofläden und kleinere Produzenten ermöglichen es Gästen, Lebensmittel direkt aus der Umgebung kennenzulernen. Gerade in strukturschwächeren ländlichen Regionen kann der Tourismus dadurch zusätzliche wirtschaftliche Perspektiven schaffen.

Nachhaltiger Urlaub bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur, Natur möglichst wenig zu belasten. Er kann auch dazu beitragen, regionale Betriebe und Arbeitsplätze zu erhalten.

 

Nachhaltigkeitsfaktor – wenn Nichtstun zur Strategie wird

Der Nationalpark Eifel vermittelt eine ungewöhnliche Form von Nachhaltigkeit. Während viele Umweltprojekte darauf ausgerichtet sind, Natur aktiv zu gestalten, besteht hier ein wesentliches Ziel darin, menschliche Eingriffe langfristig zu reduzieren.

Wälder sollen altern dürfen, Bäume natürlich absterben und neue Generationen ohne ständige Bewirtschaftung nachwachsen. So entstehen vielfältige Strukturen, die in intensiv genutzten Wirtschaftswäldern oft fehlen.

Allerdings braucht dieser Prozess Zeit. Ein Wald, der über Jahrzehnte oder Jahrhunderte wirtschaftlich genutzt wurde, verwandelt sich nicht innerhalb weniger Jahre in einen naturnahen Lebensraum.

Gerade deshalb ist der Nationalpark auch ein Projekt für kommende Generationen. Viele der ökologischen Veränderungen, die heute angestoßen werden, werden erst in Jahrzehnten vollständig sichtbar sein.

Für den Tourismus entsteht daraus eine besondere Chance. Besucher können nicht nur eine schöne Landschaft erleben, sondern einen langfristigen ökologischen Entwicklungsprozess kennenlernen.

 

Natur braucht manchmal vor allem Zeit

Der Nationalpark Eifel gehört nicht zu den spektakulärsten Landschaften Deutschlands. Er besitzt keine gewaltigen Dreitausender und keine berühmten Gletscher. Seine besondere Qualität liegt in den stilleren Veränderungen.

Ehemalige Wirtschaftswälder entwickeln sich zu vielfältigeren Lebensräumen. Frühere Militärflächen erhalten neue Aufgaben für Naturschutz und Bildung. Gleichzeitig profitieren umliegende Gemeinden von einem Tourismus, der die Natur nicht nur nutzt, sondern ihren Schutz zum zentralen Bestandteil des Angebots macht.

Wer durch die Wälder der Eifel wandert, erlebt deshalb mehr als eine schöne Mittelgebirgslandschaft. Er entdeckt eine Region, in der sichtbar wird, dass ökologische Erholung möglich ist, wenn natürliche Prozesse wieder Raum bekommen.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis lautet: Nicht jede Landschaft muss ständig gestaltet, gepflegt oder wirtschaftlich genutzt werden. Manchmal ist es die nachhaltigste Entscheidung, der Natur einfach Zeit zu lassen.

 

Mehr Informationen: https://www.nationalpark-eifel.de/de/

 

Nächste Folge: Osttirol – Die stille Seite der Alpen zwischen Nationalpark Hohe Tauern, traditionellen Bergdörfern und nachhaltigem Bergtourismus.

Europas Wildbienen werden seltener und verlieren zunehmend ihren Lebensraum

Europas Wildbienen werden seltener und verlieren zunehmend ihren Lebensraum

Eine neue internationale Studie zeigt eine besorgniserregende Entwicklung: Die meisten Wildbienenarten Europas haben sich in den vergangenen hundert Jahren aus Teilen ihrer ursprünglichen Verbreitungsgebiete zurückgezogen. Auch zahlreiche Schwebfliegenarten sind betroffen. Für die Untersuchung werteten Wissenschaftler mehr als vier Millionen Beobachtungsdaten aus nahezu einem Jahrhundert aus. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass der Rückgang wichtiger Bestäuber weit größer sein könnte, als bisherige Artenzählungen vermuten lassen.

Die am 19. Oktober 2026 im renommierten Wissenschaftsjournal Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlichte Untersuchung zählt zu den bislang umfassendsten Analysen über die langfristige Entwicklung wildlebender Bestäuber in Europa. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der spanischen Forschungsorganisation CSIC untersuchte, wie sich die geografische Verbreitung von Wildbienen und Schwebfliegen zwischen 1921 und 2020 verändert hat.

 

Ein Jahrhundert Forschung zeigt einen deutlichen Rückgang

Die Wissenschaftler analysierten mehr als vier Millionen dokumentierte Beobachtungen und erfassten damit rund 88 Prozent der bekannten europäischen Bienen- und Schwebfliegenarten.

Das Ergebnis ist bemerkenswert: Obwohl die Gesamtzahl der nachgewiesenen Arten in vielen Regionen vergleichsweise stabil geblieben ist, haben zahlreiche einzelne Arten einen erheblichen Teil ihrer früheren Verbreitung verloren.

Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung bei den Wildbienen. Die Mehrheit der untersuchten Arten kommt heute in einem kleineren Teil ihres ursprünglichen Verbreitungsgebietes vor als noch vor einigen Jahrzehnten.

Eine wissenschaftliche Einordnung der Ergebnisse zeigt, dass die durchschnittliche geografische Verbreitung europäischer Wildbienen im langfristigen Trend um etwa 0,4 Prozent jährlich zurückgegangen ist. Über ein Jahrhundert entspricht das ungefähr einem Drittel.

Auch bei den Schwebfliegen, die neben Bienen zu den wichtigen Bestäubern zählen, verzeichneten die Forscher bei rund der Hälfte der Arten einen Rückgang.

 

Warum der Verlust lange unbemerkt bleiben kann

Eine besonders interessante Erkenntnis der Studie betrifft die Art und Weise, wie biologische Vielfalt bisher häufig gemessen wird.

Wenn in einer Region weiterhin eine ähnliche Anzahl unterschiedlicher Arten vorkommt, entsteht zunächst der Eindruck eines stabilen Ökosystems.

Doch diese Betrachtung kann täuschen.

Während einige widerstandsfähige oder wärmeliebende Arten neue Gebiete besiedeln, verschwinden empfindlichere Arten zunehmend aus ihren bisherigen Lebensräumen. Die Gesamtzahl der Arten verändert sich dadurch möglicherweise kaum, obwohl sich die Zusammensetzung der Lebensgemeinschaft bereits erheblich verschoben hat.

Genau diese Entwicklung beobachten die Wissenschaftler bei Europas Bestäubern.

Die Studie zeigt allerdings auch, dass die meisten untersuchten Arten auf europäischer Ebene weiterhin nachgewiesen werden. Ein großflächiges Aussterben zahlreicher Arten lässt sich aus den Daten bislang nicht ableiten.

Problematisch ist vielmehr der schleichende Verlust ihrer geografischen Verbreitung und damit möglicherweise auch ihrer ökologischen Funktionen.

 

Lebensraumverlust und intensive Landwirtschaft als Ursachen

Die Ursachen für den Rückgang sind vielfältig. Zu den wichtigsten Belastungen zählen die Veränderung natürlicher Lebensräume, eine intensive landwirtschaftliche Nutzung und der Verlust blütenreicher Flächen.

Wildbienen benötigen während ihrer aktiven Lebensphase ein ausreichendes Angebot an Nektar und Pollen. Gleichzeitig sind viele Arten auf bestimmte Nistplätze angewiesen, etwa offene Bodenstellen, Totholz oder Hohlräume in Pflanzenstängeln.

Wenn artenreiche Wiesen verschwinden, Landschaften zunehmend vereinheitlicht werden und geeignete Nistmöglichkeiten fehlen, verschlechtern sich ihre Lebensbedingungen.

Auch der Einsatz bestimmter Pflanzenschutzmittel kann Bestäuber unmittelbar schädigen oder ihre Nahrungsgrundlage beeinträchtigen.

Besonders spezialisierte Arten reagieren empfindlich auf solche Veränderungen. Manche Wildbienen sind bei der Nahrungssuche auf wenige Pflanzenarten angewiesen. Verschwinden diese Pflanzen, verlieren auch die darauf spezialisierten Insekten ihre Lebensgrundlage.

 

Der Klimawandel verändert die Verbreitung zusätzlich

Neben der Landnutzung spielt der Klimawandel eine zunehmend wichtige Rolle.

Steigende Temperaturen verändern die Bedingungen für viele Bestäuberarten. Besonders kälteangepasste Arten geraten unter Druck, während wärmeliebende Arten ihre Verbreitungsgebiete teilweise ausdehnen können.

Die aktuelle Untersuchung zeigt, dass in fast allen untersuchten europäischen Regionen mehr Arten an Verbreitung verloren haben, als neue Gebiete besiedeln konnten.

Eine Ausnahme bildet die Alpenregion, wo bei bestimmten Wildbienenarten zuletzt eine Ausdehnung der Verbreitung festgestellt wurde.

Diese Entwicklung könnte damit zusammenhängen, dass steigende Temperaturen einigen Arten ermöglichen, höher gelegene Lebensräume zu besiedeln.

Allerdings bedeutet eine solche Verschiebung nicht automatisch eine Verbesserung der ökologischen Situation. Arten, die bereits an kühlere Höhenlagen angepasst sind, können langfristig geeignete Lebensräume verlieren.

Auch eine weitere, im September 2026 veröffentlichte Untersuchung in der Fachzeitschrift Nature Climate Change bestätigt die Auswirkungen der Erwärmung. Demnach hat der Klimawandel die für europäische Hummeln geeigneten Lebensräume im Durchschnitt um rund fünf Prozent verringert. Regional wurden sogar Verluste von bis zu 19 Prozent festgestellt.

 

Warum Wildbienen für unsere Ernährung unverzichtbar sind

Wildbienen spielen eine zentrale Rolle bei der Bestäubung zahlreicher Wild- und Kulturpflanzen.

Während Honigbienen häufig im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen, leisten auch die vielen wildlebenden Bienenarten einen bedeutenden Beitrag zur Bestäubung.

Dazu gehören unter anderem Hummeln, Mauerbienen, Sandbienen und zahlreiche weitere Arten mit unterschiedlichen Lebensweisen.

Viele Obstsorten, Beeren, Gemüsepflanzen und Ölpflanzen profitieren von ihrer Bestäubungsleistung.

Der ökologische Wert reicht jedoch weit über die Landwirtschaft hinaus. Zahlreiche Wildpflanzen sind auf Insekten angewiesen, um Samen und Früchte auszubilden. Diese wiederum bilden die Nahrungsgrundlage für Vögel und andere Tierarten.

Geht die Vielfalt der Bestäuber zurück, können deshalb langfristig ganze ökologische Beziehungen beeinträchtigt werden.

Die neue Studie macht deutlich, dass nicht nur die Anzahl der Insekten entscheidend ist, sondern auch die Vielfalt der Arten und ihre Verbreitung.

 

Was zum Schutz der Wildbienen notwendig ist

Trotz der besorgniserregenden Ergebnisse sehen die Wissenschaftler weiterhin Möglichkeiten, den Rückgang vieler Bestäuberarten aufzuhalten.

Besonders wichtig sind der Schutz und die Wiederherstellung natürlicher Lebensräume sowie eine Landwirtschaft, die ausreichend Nahrung und geeignete Rückzugsräume für Insekten bietet.

Artenreiche Wiesen, Blühflächen mit heimischen Pflanzen, naturnahe Waldränder und strukturreiche Landschaften können dazu beitragen, Bestäuberpopulationen zu stabilisieren.

Auch weniger versiegelte Flächen und geeignete Nistmöglichkeiten in Gärten und Siedlungsgebieten können wertvolle Lebensräume schaffen.

Entscheidend ist allerdings, dass solche Maßnahmen nicht auf einzelne isolierte Flächen beschränkt bleiben. Viele Arten benötigen miteinander verbundene Lebensräume, um sich langfristig erhalten und ausbreiten zu können.

Gleichzeitig sind eine Verringerung schädlicher Umwelteinflüsse und die Begrenzung der globalen Erwärmung wichtige Voraussetzungen für den langfristigen Schutz der Bestäuber.

 

Ein stiller Wandel mit weitreichenden Folgen

Die neue europäische Untersuchung zeigt, dass der Verlust biologischer Vielfalt nicht immer durch das vollständige Verschwinden einzelner Arten sichtbar wird.

Häufig beginnt er wesentlich unauffälliger: Arten werden seltener nachgewiesen, ihre Lebensräume schrumpfen und ihre Verbreitung verändert sich.

Die meisten europäischen Wildbienenarten sind noch vorhanden. Doch viele von ihnen verlieren zunehmend jene Landschaften, in denen sie über lange Zeiträume heimisch waren.

Gerade darin liegt die entscheidende Erkenntnis der Studie: Der Rückgang der Artenvielfalt kann bereits weit fortgeschritten sein, bevor er in einfachen Artenzählungen deutlich erkennbar wird.

Der Schutz der Wildbienen ist deshalb weit mehr als eine Maßnahme zum Erhalt einzelner Insektenarten. Er ist eine wichtige Voraussetzung für funktionierende Ökosysteme, eine vielfältige Pflanzenwelt und die langfristige Sicherung natürlicher Bestäubungsleistungen.

 

Wissenschaftliche Grundlage: https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2600774123

Die vergessenen Wälder des Nordens und ihre Bedeutung für unser Klima

Die vergessenen Wälder des Nordens und ihre Bedeutung für unser Klima

Während der Amazonas weltweit im Mittelpunkt der Klimadebatte steht, erstreckt sich auf der Nordhalbkugel ein riesiges Waldgebiet, dessen Bedeutung häufig unterschätzt wird. Die borealen Wälder, auch Taiga genannt, bedecken rund 27 Prozent der weltweiten Waldfläche. Sie gehören zu den größten Kohlenstoffspeichern unseres Planeten und spielen eine entscheidende Rolle für das globale Klima. Doch steigende Temperaturen, Waldbrände und tauende Permafrostböden bedrohen dieses einzigartige Ökosystem.

 

Ein grüner Gürtel rund um die Erde

Von Alaska über Kanada und Skandinavien bis nach Sibirien zieht sich ein nahezu durchgehender Gürtel aus Nadelwäldern um die nördliche Erdhalbkugel. Die borealen Wälder erstrecken sich über rund 1,2 Milliarden Hektar und bilden eines der größten zusammenhängenden Waldökosysteme der Erde.

Das Klima ist geprägt von langen, eisigen Wintern und kurzen Sommern. Temperaturen von minus 40 Grad Celsius sind in manchen Regionen keine Seltenheit. Unter diesen extremen Bedingungen wachsen vor allem Fichten, Kiefern und Lärchen, vereinzelt auch Birken und andere Laubbäume.

Weil die Vegetationsperiode kurz ist, wachsen die Bäume deutlich langsamer als in tropischen Regenwäldern. Dennoch bilden sie über Jahrtausende hinweg ein gewaltiges Ökosystem, das für die Stabilität unseres Klimas von großer Bedeutung ist.

 

Der größte Schatz liegt unter der Erde

Während tropische Regenwälder enorme Mengen Kohlenstoff in ihrer üppigen Vegetation speichern, befindet sich ein wesentlicher Teil der Kohlenstoffvorräte borealer Wälder unter der Erdoberfläche.

In den kalten Regionen werden abgestorbene Pflanzenreste nur langsam zersetzt. Dadurch sammelt sich über Jahrtausende organisches Material in den Böden an. Besonders Moore und dauerhaft gefrorene Böden, sogenannte Permafrostböden, speichern riesige Kohlenstoffmengen.

Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa unterstreicht die außergewöhnliche Bedeutung dieser Wälder: Demnach entfallen rund 32 Prozent der globalen terrestrischen Kohlenstoffvorräte auf boreale Waldökosysteme.

Damit sind diese Wälder weit mehr als eine Ansammlung von Bäumen. Sie bilden einen gewaltigen natürlichen Kohlenstoffspeicher, dessen Erhaltung für den weltweiten Klimaschutz entscheidend ist.

 

Wenn der Klimawandel die Wälder verändert

Ausgerechnet jene Regionen, die so viel Kohlenstoff speichern, reagieren besonders empfindlich auf steigende Temperaturen.

In weiten Teilen der nördlichen Breiten schreitet die Erwärmung schneller voran als im globalen Durchschnitt. Höhere Temperaturen verändern die Wachstumsbedingungen der Bäume, begünstigen Schädlinge und können die Gefahr großflächiger Waldbrände erhöhen.

Besonders problematisch ist das Auftauen von Permafrostböden. Wenn zuvor gefrorenes organisches Material auftaut, können Mikroorganismen es zersetzen. Dabei entstehen Kohlendioxid und unter bestimmten Bedingungen auch Methan.

Zusätzlich können Waldbrände tief in die kohlenstoffreichen Bodenschichten eindringen. Anders als bei einem gewöhnlichen oberflächlichen Waldbrand wird dann nicht nur die Vegetation zerstört, sondern auch Kohlenstoff freigesetzt, der teilweise über Jahrtausende gespeichert war.

Damit entsteht ein gefährlicher Kreislauf: Die Erderwärmung verändert die borealen Wälder, wodurch zusätzliche Treibhausgase freigesetzt werden können, die wiederum zur weiteren Erwärmung beitragen.

 

Lebensraum für außergewöhnliche Tierarten

Neben ihrer Bedeutung für das Klima beherbergen die borealen Wälder eine bemerkenswerte Tierwelt.

Elche, Braunbären, Wölfe, Luchse und Rentiere sind typische Bewohner dieser Regionen. Auch der Vielfraß, eines der kräftigsten Mitglieder der Marderfamilie, findet hier seinen Lebensraum.

Viele dieser Arten benötigen ausgedehnte, möglichst ungestörte Landschaften. Die zunehmende Erschließung durch Straßen, Rohstoffabbau und intensive Forstwirtschaft kann ihre Lebensräume zerschneiden.

Die Taiga ist außerdem Heimat zahlreicher indigener Gemeinschaften, deren Kultur, traditionelle Lebensweise und wirtschaftliche Existenz eng mit diesen Landschaften verbunden sind.

Ihr Schutz ist deshalb nicht nur eine ökologische, sondern auch eine gesellschaftliche Aufgabe.

 

Warum der Norden mehr Aufmerksamkeit verdient

Der Schutz tropischer Regenwälder gehört seit Jahrzehnten zu den zentralen Themen des internationalen Naturschutzes. Die borealen Wälder stehen dagegen wesentlich seltener im öffentlichen Mittelpunkt.

Dabei sind beide Ökosysteme für die Erde unverzichtbar.

Eine nachhaltige Bewirtschaftung, der Schutz besonders kohlenstoffreicher Moore und alter Wälder sowie die Begrenzung der globalen Erwärmung gehören zu den wichtigsten Maßnahmen, um die Funktionen der Taiga langfristig zu erhalten.

Gleichzeitig ist eine differenzierte Betrachtung notwendig. Waldbrände gehören in vielen borealen Regionen zum natürlichen ökologischen Kreislauf. Problematisch wird es insbesondere dann, wenn sich Häufigkeit, Intensität und Ausdehnung der Brände so stark verändern, dass sich die Ökosysteme nicht mehr ausreichend regenerieren können.

 

Ein unterschätzter Schlüssel zum Klimaschutz

Die borealen Wälder zeigen eindrucksvoll, dass Klimaschutz nicht ausschließlich bedeutet, neue Bäume zu pflanzen.

Mindestens ebenso wichtig ist es, bestehende Ökosysteme und ihre über Jahrtausende entstandenen Kohlenstoffspeicher zu bewahren.

Während tropische Regenwälder durch ihre Artenvielfalt und üppige Vegetation beeindrucken, liegt die besondere Stärke der borealen Wälder häufig unsichtbar unter der Erdoberfläche.

Ihr größter Wert besteht nicht allein darin, wie viel Kohlenstoff sie künftig aufnehmen können, sondern auch darin, welche gewaltigen Mengen sie bereits gespeichert haben.

Der Schutz dieser Wälder ist deshalb eine der großen, bislang oft unterschätzten Aufgaben des globalen Klimaschutzes.

2,8 Grad – Wie sich unsere Welt bis zum Ende des Jahrhunderts verändern könnte

2,8 Grad – Wie sich unsere Welt bis zum Ende des Jahrhunderts verändern könnte

Die Welt entfernt sich weiter von ihren Klimazielen. Laut dem neuen Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) könnte sich die Erde bei Fortsetzung der derzeitigen Klimapolitik im Laufe dieses Jahrhunderts um rund 2,8 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau erwärmen. Die Folgen wären weitreichend: häufigere Hitzewellen, zunehmende Dürren, intensivere Starkregenereignisse und steigende Risiken für Menschen, Landwirtschaft und Ökosysteme. Besonders alarmierend ist, dass neue Klimazusagen der Staaten bisher kaum eine Verbesserung der langfristigen Prognosen bewirken.

Der am 21. Oktober 2026 veröffentlichte „Emissions Gap Report 2026“ untersucht, wie groß die Lücke zwischen den internationalen Klimazielen und den tatsächlich erwarteten Treibhausgasemissionen ist. Das Ergebnis zeigt deutlich, wie weit die Welt noch von einer Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad entfernt ist.

 

Die entscheidenden Zahlen des neuen Klimaberichts

Die Vereinten Nationen unterscheiden mehrere Szenarien, abhängig davon, welche Klimaschutzmaßnahmen tatsächlich umgesetzt werden.

2,8 Grad Erwärmung könnten bei Fortsetzung der derzeitigen Klimapolitik im Laufe dieses Jahrhunderts erreicht werden.
2,6 Grad wären bei vollständiger Umsetzung aller angekündigten nationalen Klimabeiträge und vergleichbaren weiteren Anstrengungen zu erwarten.
2,1 Grad wären erreichbar, wenn zusätzlich sämtliche langfristigen Netto-Null-Ziele verwirklicht werden.
1,5 Grad bleibt das angestrebte Klimaziel des Pariser Abkommens, dessen vorübergehende Überschreitung jedoch mittlerweile als kaum vermeidbar gilt.

Diese Werte beschreiben wissenschaftliche Projektionen und keine bereits eingetretene Erwärmung. Sie sind auch keine unveränderlichen Vorhersagen: Entscheidend ist, wie sich die weltweiten Treibhausgasemissionen künftig entwickeln.

 

Warum jedes Zehntelgrad entscheidend ist

Zwischen einer Erwärmung von 1,5 und 2,8 Grad liegt ein erheblicher Unterschied. Mit steigenden globalen Temperaturen nehmen zahlreiche Klimarisiken zu.

Besonders betroffen sind:

Hitzewellen: Extreme Temperaturen treten häufiger auf, dauern länger und können die Gesundheit von Millionen Menschen gefährden.
Landwirtschaft: Hitze, Wassermangel und veränderte Niederschlagsmuster erhöhen das Risiko von Ernteausfällen.
Wälder: Trockenstress, Schädlinge und Waldbrände setzen viele Ökosysteme zunehmend unter Druck.
Wasserversorgung: Längere Trockenperioden und veränderte Niederschläge können regionale Wasserknappheit verschärfen.
Küstenregionen: Der steigende Meeresspiegel und stärkere Überflutungsrisiken bedrohen Siedlungen und Infrastruktur.
Artenvielfalt: Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten geraten durch die schnelle Veränderung ihrer Lebensräume unter Anpassungsdruck.

Eine globale Erwärmung von 2,8 Grad bedeutet dabei nicht, dass die Temperaturen überall gleich stark steigen. Landflächen und insbesondere höhere nördliche Breiten erwärmen sich häufig stärker als der globale Durchschnitt.

Auch Europa muss sich auf zunehmende Belastungen einstellen. Hitzeperioden, Wasserknappheit und extreme Niederschläge stellen bereits heute wachsende Herausforderungen dar.

 

Ist das 1,5-Grad-Ziel noch erreichbar?

Die Wissenschaft geht inzwischen davon aus, dass die langfristige globale Durchschnittstemperatur die Marke von 1,5 Grad voraussichtlich überschreiten wird.

Der neue UNEP-Bericht untersucht deshalb einen möglichen Weg, die Erwärmung nach einer vorübergehenden Überschreitung wieder auf höchstens 1,5 Grad zu senken.

In diesem Szenario würde die globale Temperatur zur Mitte des Jahrhunderts einen Höchstwert von etwa 1,7 bis 1,8 Grad erreichen. Anschließend müsste sie durch drastische Emissionssenkungen und die zusätzliche Entfernung von CO₂ aus der Atmosphäre wieder zurückgehen.

Um diesen Entwicklungspfad zu erreichen, wären laut UNEP erhebliche weltweite Einsparungen erforderlich:

Bis 2030 müssten die Treibhausgasemissionen um 18 Prozent sinken.
Bis 2035 wäre eine Reduktion um 45 Prozent erforderlich.
Bis 2040 müssten die Emissionen sogar um 69 Prozent zurückgehen.

Die Vergleichsbasis dieser Berechnungen ist das Emissionsniveau des Jahres 2025.

Zusätzlich müssten im Laufe des Jahrhunderts rund 320 Milliarden Tonnen CO₂ dauerhaft aus der Atmosphäre entfernt werden. Das entspricht ungefähr dem Achtfachen der weltweiten CO₂-Emissionen des Jahres 2024.

Der Bericht macht damit deutlich, wie anspruchsvoll eine Rückkehr zum 1,5-Grad-Ziel wäre.

 

Warum die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichen

Zwar haben zahlreiche Staaten ihre Klimaziele verschärft, erneuerbare Energien ausgebaut und Maßnahmen zur Verringerung von Treibhausgasemissionen beschlossen. Doch zwischen politischen Ankündigungen und tatsächlichen Emissionssenkungen besteht weiterhin eine große Lücke.

Weltweit werden nach wie vor erhebliche Mengen fossiler Energieträger genutzt. Gleichzeitig steigen in vielen Regionen Energiebedarf, Verkehr und industrielle Produktion.

Auch die neuen Klimazusagen haben laut UNEP die langfristigen Temperaturprognosen kaum verändert.

Die Entwicklung zeigt, dass Klimaziele allein nicht genügen. Entscheidend sind ihre tatsächliche Umsetzung und der nachweisbare Rückgang der Emissionen.

 

Die Lösungen sind längst bekannt

Trotz der ernüchternden Prognosen sieht das UN-Umweltprogramm weiterhin Möglichkeiten, die globale Erwärmung deutlich zu begrenzen.

Ein wesentlicher Ansatzpunkt liegt im beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien, der Elektrifizierung von Verkehr und Industrie sowie einer höheren Energieeffizienz.

Auch die Verringerung von Methanemissionen, der Schutz bestehender Wälder und die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme können einen wichtigen Beitrag leisten.

Viele der dafür notwendigen Technologien sind bereits verfügbar. Ihre weltweite Umsetzung müsste jedoch wesentlich schneller erfolgen.

Gleichzeitig gewinnt die Anpassung an unvermeidbare Klimafolgen an Bedeutung. Städte benötigen wirksamen Hitzeschutz, die Landwirtschaft widerstandsfähigere Bewirtschaftungsmethoden und Regionen mit zunehmendem Wassermangel langfristige Versorgungskonzepte.

 

Die kommenden Jahre werden entscheidend

Der neue Klimabericht der Vereinten Nationen ist keine Prognose eines unausweichlichen Schicksals. Er zeigt vielmehr, wohin die Welt bei Fortsetzung der aktuellen Entwicklung steuert.

Eine Erwärmung um 2,8 Grad hätte weitreichende Folgen für natürliche Lebensräume, die Ernährungssicherheit, die wirtschaftliche Entwicklung und die Lebensbedingungen künftiger Generationen.

Gleichzeitig macht der Bericht deutlich, dass wirksamer Klimaschutz weiterhin einen erheblichen Unterschied bewirken kann. Jedes vermiedene Zehntelgrad verringert die Risiken.

Die zentrale Frage lautet deshalb nicht mehr allein, ob sich die Erde weiter erwärmen wird, sondern wie stark diese Erwärmung ausfällt und wie schnell es gelingt, die weltweiten Emissionen zu senken.

Denn die Entscheidungen der kommenden Jahre werden maßgeblich beeinflussen, unter welchen klimatischen Bedingungen zukünftige Generationen leben werden.

 

Mehr Informationen: https://www.unep.org/en/publications/report/emissions-gap-report-2026

Die neuen Hitzestürme erfassen immer größere Teile der Erde

Die neuen Hitzestürme erfassen immer größere Teile der Erde

Hitzewellen sind längst keine außergewöhnlichen Wetterereignisse mehr. Doch eine neue internationale Datenanalyse zeigt eine Entwicklung, die selbst erfahrene Klimaforscher aufhorchen lässt: Extreme Hitze breitet sich über immer größere Gebiete aus und kann über Monate hinweg anhalten. Während in den 1960er-Jahren durchschnittlich nur etwa fünf besonders großflächige Hitzeereignisse jährlich auftraten, sind es im laufenden Jahrzehnt bereits rund 102. Forschende und Datenjournalisten sprechen von einem neuen Phänomen: den sogenannten Hitzestürmen.

Eine am 20. Oktober 2026 veröffentlichte Reuters-Untersuchung hat globale Temperaturdaten seit 1960 ausgewertet. Die Ergebnisse verdeutlichen, wie stark sich die Häufigkeit, Ausdehnung und Dauer extremer Hitzeereignisse verändert haben.

 

Wenn aus Hitzewellen Hitzestürme werden

Bisher wurden Hitzewellen meist als regionale Ereignisse betrachtet, die einzelne Länder oder Kontinente betreffen. Doch zunehmend treten außergewöhnlich hohe Temperaturen gleichzeitig in weit voneinander entfernten Regionen auf.

Um diese Entwicklung sichtbar zu machen, haben Datenjournalisten gemeinsam mit Klimawissenschaftlern eine neue Kategorie eingeführt: den Hitzesturm.

Darunter verstehen sie eine außergewöhnlich großflächige Hitzewelle, die mindestens fünf Tage anhält und auf ihrem Höhepunkt wenigstens ein Prozent der Erdoberfläche erfasst. Das entspricht ungefähr der halben Fläche Kanadas.

Wichtig ist dabei: Der Begriff Hitzesturm bezeichnet keinen Sturm im meteorologischen Sinn. Es handelt sich um eine neue analytische Bezeichnung für besonders ausgedehnte Hitzeereignisse.

 

Die Zahlen zeigen eine dramatische Entwicklung

Für die Untersuchung wurden stündliche Temperaturdaten aus mehr als einer Million geografischer Rasterflächen ausgewertet. Die Analyse reicht über mehr als sechs Jahrzehnte zurück.

Die wichtigsten Ergebnisse:

In den 1960er-Jahren wurden durchschnittlich etwa fünf aktive Hitzestürme pro Jahr registriert.
Im laufenden Jahrzehnt liegt dieser Wert bereits bei rund 102 jährlich.
Die Häufigkeit hat sich nach dieser neuen Berechnung damit ungefähr verzwanzigfacht.
Besonders großflächige Ereignisse können sich über mehrere Kontinente erstrecken und über außergewöhnlich lange Zeiträume anhalten.
Die Erwärmung des globalen Klimas begünstigt die zunehmende Ausdehnung und Häufigkeit solcher Hitzeereignisse.

Die Zahlen beruhen auf einer neu entwickelten Auswertungsmethode und sind daher nicht unmittelbar mit bisherigen offiziellen Hitzewellenstatistiken vergleichbar. Dennoch zeigen sie einen bemerkenswerten langfristigen Trend.

 

Ein Hitzesturm über fast die gesamte Erde

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel liefert das Ereignis, das die Forschenden als „Vera“ bezeichnen.

Dieser außergewöhnliche Hitzesturm begann Ende Juli 2023 und erstreckte sich über insgesamt 367 Tage. Im Verlauf dieser Zeit erreichte er nach der verwendeten Berechnung rund 85 Prozent der Erdoberfläche.

Das bedeutet nicht, dass überall gleichzeitig lebensgefährliche Temperaturen herrschten. Vielmehr wurden über einen langen Zeitraum hinweg in zahlreichen Regionen ungewöhnlich hohe Temperaturen gegenüber den jeweiligen örtlichen Vergleichswerten festgestellt.

Die Auswirkungen waren dennoch erheblich. Extreme Hitze belastete Menschen, Landwirtschaft und natürliche Ökosysteme auf mehreren Kontinenten.

Besonders problematisch ist, dass solche Ereignisse nicht mehr nur wenige Tage dauern müssen. Wenn sich Hitzeperioden über Wochen oder Monate erstrecken, fehlen vielerorts die notwendigen Erholungsphasen.

 

Warum die zunehmende Hitze gefährlich ist

Hohe Temperaturen wirken sich nicht nur auf das persönliche Wohlbefinden aus. Sie können ganze Wirtschaftsbereiche und Ökosysteme gleichzeitig unter Druck setzen.

Für die Landwirtschaft bedeuten lange Hitzeperioden erhöhten Wasserbedarf, stärkere Verdunstung und mögliche Ernteverluste. Wälder geraten unter Trockenstress und werden anfälliger für Schädlinge und Brände.

Auch Gewässer reagieren empfindlich. Steigende Wassertemperaturen können den Sauerstoffgehalt verringern und das Überleben von Fischen und anderen Wasserorganismen gefährden.

In Städten verschärfen versiegelte Flächen und fehlende Vegetation die Belastung zusätzlich. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Kinder sowie Personen, die körperlich im Freien arbeiten.

Treffen extreme Hitzeereignisse mehrere wichtige Agrarregionen gleichzeitig, können die Folgen über nationale Grenzen hinausreichen. Ernteausfälle, steigende Lebensmittelpreise und zusätzlicher Wasserbedarf werden dann zu internationalen Herausforderungen.

 

Was das für Europa bedeutet

Auch Europa gehört zu den Regionen, in denen zunehmende Hitze bereits deutlich spürbar ist. Besonders der Mittelmeerraum, aber auch Mitteleuropa sind von häufigeren und intensiveren Hitzeperioden betroffen.

Für Österreich bedeutet das steigende Anforderungen an den Schutz der Bevölkerung, die Wasserversorgung, die Landwirtschaft und den Erhalt gesunder Wälder.

Städte benötigen mehr Grünflächen, Schatten und natürliche Kühlung. Gebäude müssen besser gegen sommerliche Überhitzung geschützt werden. Gleichzeitig wird ein nachhaltiger Umgang mit verfügbaren Wasserressourcen immer wichtiger.

Anpassungsmaßnahmen allein reichen langfristig allerdings nicht aus. Entscheidend bleibt die Begrenzung der weiteren Erderwärmung durch eine deutliche Verringerung der Treibhausgasemissionen.

 

Eine neue Dimension des Klimawandels

Die internationale Analyse macht deutlich, dass nicht nur einzelne Temperaturrekorde betrachtet werden sollten. Entscheidend ist zunehmend auch, wie großflächig und lang anhaltend extreme Hitze auftritt.

Der Begriff Hitzesturm soll helfen, diese Entwicklung verständlicher zu machen und die Aufmerksamkeit auf ein bislang unterschätztes Risiko zu lenken.

Denn während Stürme, Überschwemmungen oder Waldbrände unmittelbar sichtbare Schäden hinterlassen, entwickelt sich die Gefahr durch extreme Hitze oft schleichend.

Die neuen Daten verdeutlichen, wie stark sich die klimatischen Bedingungen innerhalb weniger Jahrzehnte verändert haben.

Die Herausforderung besteht deshalb nicht nur darin, mit einzelnen heißen Sommern umzugehen. Es geht zunehmend darum, ganze Regionen widerstandsfähiger gegenüber länger anhaltender und großflächiger Hitze zu machen.

Der Klimawandel zeigt sich damit nicht nur in steigenden Durchschnittstemperaturen, sondern auch in einer neuen Dimension extremer Wetterereignisse.

Der Geschmack der kühlen Jahreszeit

Der Geschmack der kühlen Jahreszeit

Ein aromatischer Vorbote auf alles, was uns an Herrlichkeit im Herbst und Winter noch erwartet, ist das Rotkraut. Hat man einmal selbstgemachtes Rotkraut probiert, erkennt man den großen Unterschied zu tiefgekühlten Produkten. Ein Klassiker zu Herbstgerichten!

 

Wenn ich es in meiner idealsten Form zubereite, komme ich zum ersten mal im Jahr mit der ersehnten Lebkuchen-Gewürzmischung in Berührung und freue mich wie über den ersten Schnee.

Ich rate also zur passenden Schutzkleidung und Handschuhen, da das Rotkraut färbt. Am besten am Vortag damit beginnen, dann entfaltet es sein volles Aroma bis zum Moment des Genusses und erfüllt das Haus mit seinem Duft.

 

Was wir brauchen …

1 Häupel Rotkraut
mindestens 2 große Zwiebel (vielleicht auch rot)
Lebkuchengewürz (ich verwende am liebsten eine fertige Mischung – die ist ausgewogen)
Lorbeerblatt
1-2 Äpfel (je nach Größe und gewünschter Fruchtigkeit) – alternativ großartig ist eine Quitte
Preiselbeermarmelade
brauner Zucker
etwas Apfel-, vielleicht auch frischen Orangensaft
etwas Rotwein

 

So wird’s gemacht …

Zwiebel schneiden und anrösten mit etwas Zucker hellbraun rösten

Rotkraut ebenfalls geschnitten dazu und nach einer gewissen Zeit (wenn das Kraut schon an Spannung verloren hat)

alle anderen Zutaten ebenfalls untermischen, köcheln lassen und nach ca. 30 Minuten mit Salz und Pfeffer würzen

 

Wichtig ist, Geduld und eine feine Nase, denn abschmecken müsst ihr selber. Das dauert bei mir speziell bei diesem Gericht manchmal etwas länger. Verwendet wird es bei mir auf jeden Fall in Kombination mit Erdäpfelknödeln – ob Fleisch dazu oder nicht, ist Geschmackssache.

Recyclingdünger aus Sanitärsystemen nachhaltige Alternative zu herkömmlichem Dünger

Recyclingdünger aus Sanitärsystemen nachhaltige Alternative zu herkömmlichem Dünger

Die Landwirtschaft ist auf eine zuverlässige Versorgung mit Nährstoffen angewiesen. Phosphor, Stickstoff und Kalium etwa sind für die Produktion landwirtschaftlicher Erträge unverzichtbar. Doch die natürlichen Vorkommen sind begrenzt, regional sehr unterschiedlich verfügbar oder sehr energieintensiv in der Gewinnung. Eine nachhaltige Lösung zu herkömmlichen Düngemitteln bieten Dünger aus ressourcenorientierten Sanitärsystemen (ROS), wie eine aktuelle Studie zeigt. Dies eröffnet nachhaltiger Landwirtschaft neue Optionen und gleichzeitig neue Anwendungsbereiche für menschliche Abfallprodukte.

Was sind ressourcenorientierte Sanitärsysteme (ROS)?
Sie erfassen die nährstoffreichen Stoffströme menschlicher Ausscheidungen getrennt und, soweit möglich, nicht mit Wasser verdünnt. Nach gezielter Aufbereitung können die darin enthaltenen Pflanzennährstoffe wieder für die Landwirtschaft nutzbar gemacht werden.

Diesem Aufbereitungsverfahren hat sich ein Forschungsteam gewidmet, das erstmals umfangreiche internationale Daten zu unterschiedlichen ROS-basierten Recyclingdüngern für eine aktuelle Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Frontiers in Environmental Science, gebündelt hat. Für 13 Recyclingdünger-Typen war die Datenlage ausreichend, um ihre Eigenschaften detailliert zu charakterisieren. Viele lassen sich hinsichtlich Nährstoffzusammensetzung und Funktion bekannten mineralischen, organischen oder organisch-mineralischen Düngerkategorien zuordnen. Im Ergebnis sind die recycelten Produkte agronomisch so effektiv wie konventionelle Düngemittel.

Kein Dünger zweiter Klasse: Entscheidend sind Qualität und Wirkung

„Unsere Ergebnisse liefern eine wichtige wissenschaftliche Grundlage für die Anwendung, denn sie zeigen: Recyclingdünger aus getrennt erfassten Stoffströmen sind keine Dünger zweiter Klasse“, sagt Martina Winker vom Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE), Co-Autorin der Studie. „Entscheidend ist, welche Eigenschaften ein Dünger für die jeweilige landwirtschaftliche Anwendung mitbringt, und nicht, ob er aus einem konventionellen oder einem recycelten Stoffstrom stammt.“

Wie gut solche ROS-Dünger funktionieren und welche Anforderungen sie erfüllen müssen, wird inzwischen weltweit untersucht. „Für die Studie haben wir aus 32 Ländern mehr als 450 Datensätze aus über 200 Quellen zusammengeführt und auf Produktebene ausgewertet. Unsere Ergebnisse zu den einzelnen Düngemittelprodukten zeigen: Nährstoffrecycling aus menschlichen Ausscheidungen ist längst ein wissenschaftliches Thema auf internationaler Ebene“, sagt Ariane Krause vom Netzwerk für nachhaltige Sanitärsysteme (NetSan), ebenfalls Co-Autorin der Studie. „Bislang aber fehlte der Überblick über die sehr unterschiedlichen Produkte, Verfahren und Anwendungsbedingungen. Wir wollten sichtbar machen, was sich aus dieser breiten Evidenz tatsächlich ableiten lässt und wo noch Wissenslücken bestehen.“

 

Nährstoffgehalt hängt von Ausgangsstoffen und Aufbereitung ab

Welche Nährstoffe ein ROS-Dünger in welcher Form und Konzentration enthält, hängt wesentlich vom Ausgangsmaterial und vom jeweiligen Aufbereitungsverfahren ab. Auch physikalisch-chemische Eigenschaften wie pH-Wert, Salzgehalt oder der Anteil organischer Substanz sind bei den Produkten unterschiedlich und beeinflussen ihre Einsatzmöglichkeiten.

Bei möglichen Schadstoffen ergibt sich ein differenziertes Bild. Die untersuchten Schwermetallkonzentrationen waren insgesamt überwiegend niedrig und mit denen etablierter Düngemittel vergleichbar. Für die hygienische Sicherheit sind insbesondere Ausgangsmaterial und Behandlungsbedingungen entscheidend. Bei organischen Schadstoffen wie Arzneimittelrückständen oder PFAS ist die Datenlage dagegen noch lückenhaft und erlaubt bislang keine vergleichbar umfassende Bewertung über alle Produktgruppen hinweg.

 

Ertrag vergleichbar mit mineralischem Düngung

Für die landwirtschaftliche Praxis ist besonders die Frage relevant, ob Recyclingdünger mit konventionellen Düngern beim Ertrag mithalten können. Dabei ist nicht nur die chemische Zusammensetzung entscheidend, sondern ob die enthaltenen Nährstoffe den Pflanzen tatsächlich zur Verfügung stehen. Die Düngewirkung wurde für die Studie mit einer quantitativen Meta-Analyse von 134 Datensätzen aus 68 Quellen ermittelt, darunter 31 Kulturpflanzen sowie Feld-, Topf- und Hydroponikversuche.

Dabei zeigte sich gegenüber mineralischer Düngung über die untersuchten Recyclingdünger hinweg kein systematischer Ertragsnachteil; gegenüber ungedüngten Kontrollvarianten waren die Erträge in der Regel deutlich höher. Die konkrete Wirkung hängt jedoch unter anderem von Nährstoffform, Boden, Kultur und Bewirtschaftung ab.

 

Von der Machbarkeit zur Anwendung

Für mehrere gut untersuchte Recyclingdünger verschieben die Ergebnisse die zentrale Frage von der Machbarkeit hin zur Anwendung: Es geht nicht mehr allein darum, ob sich aus ressourcenorientierten Sanitärsystemen hochwertige Dünger herstellen lassen. Wichtiger wird, wie geeignete Produkte verlässlich charakterisiert und qualitätsgesichert in bestehende landwirtschaftliche sowie regulatorische Systeme integriert werden können.

„Die eigentliche Herausforderung für die Etablierung von ROS-Düngern liegt nicht mehr allein darin, ob ein bestimmtes Verfahren technisch funktioniert, sondern wie es sich praktisch in die bestehenden Prozesse der Qualitätssicherung und Regulierung einfügen lässt“, sagt Martina Winker vom ISOE. „Dafür brauchen wir vergleichbare Untersuchungsmethoden, belastbare Qualitätskriterien und organisatorische Rahmenbedingungen, die die tatsächlichen Eigenschaften der Produkte berücksichtigen.“

 

Rechtlicher Rahmen fehlt

Aus Sicht der Studienautor*innen besteht insbesondere beim rechtlichen Rahmen Handlungsbedarf. Während die Rückgewinnung von Phosphor aus Klärschlamm und Klärschlammverbrennungsaschen im konventionellen Abwassersystem regulatorisch bereits verankert ist, fehlen für ressourcenorientierte Sanitärsysteme bislang vergleichbare landwirtschaftliche Verwertungs- und Zulassungswege.

„Wenn wir Nährstoffkreisläufe wirklich schließen wollen, darf der Rechtsrahmen nicht nur die Rückgewinnung von Phosphor am Ende des konventionellen Abwassersystems berücksichtigen“, sagt Ariane Krause von NetSan. „Auch Recyclingdünger aus ressourcenorientierten Sanitärsystemen sollten unter klaren Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen regulär genutzt werden können. Entscheidend sollte die Qualität des Produkts sein – nicht die Herkunft des Ausgangsstoffs.“

 

Zur Studie

Die Studie „Recycling fertilizers from resource-oriented sanitation systems: product-level characterization and meta-analysis of agronomic performance“ ist unter Erstautorenschaft von Corinna Schröder gemeinsam mit Franziska Häfner, Ariane Krause, Moritz Hallama und Martina Winker in Frontiers in Environmental Science erschienen. Beteiligt waren das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE), das Netzwerk für nachhaltige Sanitärsysteme (NetSan) e.V., das Leibniz-Institut für Gartenbauwissenschaft (IGZ) e.V., Agroscope in der Schweiz und die Universität Girona in Spanien. Die Studie entstand im Rahmen des bei NetSan angesiedelten Projekts MARA, das von der Heidehof Stiftung gefördert wurde. Das Projekt wurde in enger Kooperation mit der Arbeitsgruppe Landwirtschaftliche Nutzung des DWA-Fachausschuss KA-1 „NASS – Ressourcenorientierte Sanitärsysteme“ durchgeführt.

 

Link

Originalpublikation:
Schröder, C., Häfner, F., Krause, A., Hallama, M. & Winker, M. (2026): Recycling fertilizers from resource-oriented sanitation systems: product-level characterization and meta-analysis of agronomic performance. Frontiers in Environmental Science, 14:1843173. https://doi.org/10.3389/fenvs.2026.1843173

Pilze als Baustoff der Zukunft: Wenn Häuser einfach wachsen

Pilze als Baustoff der Zukunft: Wenn Häuser einfach wachsen

Was wäre, wenn wir Baustoffe künftig nicht mehr unter hohem Energieaufwand produzieren müssten, sondern einfach wachsen lassen könnten? Was zunächst nach einer ungewöhnlichen Zukunftsvision klingt, ist längst Gegenstand internationaler Forschung. Vom 13. bis 16. Oktober 2026 beschäftigten sich Wissenschaftler, Architekten und Materialforscher auf der internationalen Konferenz „Building with Fungi“ in Berlin mit einer faszinierenden Möglichkeit: Pilze könnten künftig eine wichtige Rolle beim nachhaltigen Bauen spielen.

 

Häuser aus Pilzen? Was nach Science-Fiction klingt, ist längst Gegenstand ernsthafter Forschung. Aus dem feinen, verzweigten Geflecht von Pilzen, dem sogenannten Myzel, lassen sich stabile, leichte und biologisch abbaubare Materialien herstellen. Sie könnten künftig als Dämmstoffe, Bauelemente oder sogar für ganze Gebäudestrukturen zum Einsatz kommen. Doch wie belastbar sind solche Werkstoffe? Wie lassen sie sich im großen Maßstab produzieren? Und wie könnte eine Architektur aussehen, deren Materialien buchstäblich wachsen?

Diesen Fragen widmet sich die internationale Konferenz „Building with Fungi“, die vom 13. bis 16. Oktober 2026 in Berlin stattfand. Auf Einladung des DFG-geförderten Sonderforschungsbereichs „MY-CO BUILD“ der TU Berlin trafen sich führende Köpfe aus Biotechnologie, Architektur, Materialforschung, Design und Kunst, um die Möglichkeiten einer neuen, ressourcenschonenden Baukultur auszuloten.

 

Wenn die Natur zum Baustoffproduzenten wird

Das Prinzip ist ebenso einfach wie faszinierend. Bestimmte Pilze wachsen auf organischen Materialien wie Stroh, Sägespänen oder anderen Reststoffen aus der Land- und Forstwirtschaft. Dabei durchzieht das Myzel die Ausgangsstoffe und verbindet sie zu einer festen Struktur.

Unter kontrollierten Bedingungen entstehen so leichte, formbare und teilweise biologisch abbaubare Materialien. Nach dem Wachstumsprozess werden sie getrocknet oder durch Wärmebehandlung stabilisiert. Je nach Zusammensetzung und Verarbeitung können daraus Dämmplatten, Akustikelemente, Wandverkleidungen oder leichte Bausteine entstehen. Der entscheidende Unterschied zu vielen herkömmlichen Baustoffen: Ein wesentlicher Teil des Herstellungsprozesses erfolgt durch biologisches Wachstum.

 

Internationale Forschung mit Millionenbudget

Wie groß das wissenschaftliche Interesse mittlerweile ist, konnte man auf der gut besuchten internationale Konferenz beobachten. Auf Einladung des Forschungsverbundes MY-CO BUILD der Technischen Universität Berlin diskutierten Fachleute aus Biotechnologie, Architektur, Materialwissenschaft und Design über neue Möglichkeiten für eine ressourcenschonende Bauwirtschaft. Eine begleitende Materialausstellung demonstrierte, welche unterschiedlichen Werkstoffe sich bereits aus Pilzgeflechten herstellen lassen.

Hinter der Entwicklung steht ein umfangreiches Forschungsprogramm: MY-CO BUILD wird mit rund 10,3 Millionen Euro gefördert. Bis 2029 untersuchen 70 Forschende aus sechs Forschungseinrichtungen in Deutschland und Dänemark, darunter der Technischen Universität Berlin, der Technischen Universität München und des Karlsruher Instituts für Technologie, wie sich pilzbasierte Baumaterialien gezielt entwickeln und ihre Eigenschaften zuverlässig bestimmen lassen.

„Sofern wir nach vier Jahren zeigen können, dass wir unsere ersten Forschungsziele erreicht haben, bekommen wir für die folgenden vier Jahre die nächste Förderzusage. Wir entwickeln zunächst einen komplett neuen Produktionsprozess und zeigen dann mit den neuen Pilzmaterialien sukzessive, dass wir Wände, Innenräume und auch ein Haus bauen können. Nach zwölf Jahren muss spätestens das fertige Haus stehen“, erklärt die Biotechnologin und Professorin an der Technischen Universität Berlin, Vera Meyer, im Interview mit TAGESSPIEGEL.

 

Warum Pilze für den Klimaschutz interessant sind

Die Bauwirtschaft gehört weltweit zu den größten Verbrauchern von Rohstoffen und Energie. Insbesondere die Herstellung von Zement und Stahl verursacht erhebliche Treibhausgasemissionen. Pilzbasierte Werkstoffe könnten zumindest in bestimmten Bereichen eine umweltfreundlichere Alternative bieten.

Ihre möglichen Vorteile sind vielfältig:

Nachwachsende Rohstoffe: Pilzmyzel kann auf pflanzlichen Materialien wachsen und benötigt vergleichsweise wenig zusätzliche Rohstoffe.
Nutzung von Reststoffen: Nebenprodukte aus Landwirtschaft und Forstwirtschaft erhalten eine neue Verwendung.
Geringerer Energiebedarf: Die biologische Wachstumsphase benötigt keine energieintensiven Hochtemperaturprozesse.
Natürliche Dämmung: Die poröse Struktur vieler Myzelmaterialien ermöglicht interessante Wärme- und Schalldämmeigenschaften.
Kreislaufwirtschaft: Geeignete Materialien können nach ihrer Nutzung unter bestimmten Bedingungen biologisch abgebaut werden.

Wie groß die tatsächlichen Umweltvorteile sind, hängt allerdings von der Herstellung, der notwendigen Trocknung, der Lebensdauer und dem jeweiligen Vergleichsmaterial ab. Vera Meyer, Biotechnologin und Professorin an der Technischen Universität Berlin erklärt anlässlich der Konferenz gegenüber TAGESSPIEGEL:

„Das Thema ist weltweit platziert und vier, fünf Pilze haben sich inzwischen als Produktionsorganismen herauskristallisiert. Der Zunderschwamm, der Austernpilz, der Gemeine Spaltblättling und die Schmetterlingstramete hier in Europa, in Amerika der Glänzende Lackporling. Es wird auch daran geforscht, welche Materialien außer Baumaterialien man mit diesen Pilzen herstellen kann.“

 

Kann man tatsächlich Häuser aus Pilzen bauen?

Erste experimentelle Konstruktionen zeigen bereits, dass sich aus Myzel stabile Formelemente herstellen lassen. Besonders vielversprechend erscheint derzeit der Einsatz als Dämmstoff oder für nicht tragende Bauteile. Ein vollständiges Wohnhaus ausschließlich aus Pilzmaterialien ist dagegen noch keine realistische Alternative zu etablierten Bauweisen, allerdings steht in Namibia das erste Pilzhaus, das MycoHab.

Zu den größten Herausforderungen zählen die Empfindlichkeit gegenüber Feuchtigkeit, die langfristige Haltbarkeit, der Brandschutz und die gleichbleibende Qualität bei der industriellen Herstellung. Auch die mechanische Belastbarkeit vieler Myzelwerkstoffe reicht bislang nicht aus, um tragende Bauteile aus Beton, Stahl oder Holz zu ersetzen. Die Forschung konzentriert sich deshalb darauf, Materialeigenschaften gezielt zu verbessern und geeignete Einsatzbereiche zu erschließen.

Im Interview mit TAGESSPIEGEL erklärt die Biotechnologin, die bereits seit 30 Jahren mit Pilzen arbeitet, die Herausforderungen beim Bauen mit Pilzen so:

„Die zentrale Herausforderung ist die Skalierbarkeit, damit Baumaterialien aus Pilzen weltweit in Millionen von Tonnen preiswert hergestellt werden können. Das setzt einen Produktionsprozess voraus, der 24/7 läuft und exakt gesteuert werden kann. Die zweite ist die Beständigkeit des Materials. Eine weitere, wesentliche ist die der Akzeptanz – können sich Menschen vorstellen, in einem „Pilzhaus“ zu wohnen?“

 

Eine neue Perspektive für nachhaltiges Bauen

Die internationale Konferenz in Berlin zeigt, wie stark sich der Blick auf zukünftige Baumaterialien verändert: Während die traditionelle Bauwirtschaft überwiegend auf mineralische und industriell hergestellte Werkstoffe setzt, eröffnet die Biotechnologie völlig neue Möglichkeiten. Materialien könnten künftig gezielt wachsen, aus regional verfügbaren Reststoffen entstehen und nach ihrer Nutzung wieder in biologische Kreisläufe zurückkehren.

Noch befindet sich die Technologie in vielen Bereichen im Forschungs- und Entwicklungsstadium. Ob sich Pilzbaustoffe wirtschaftlich im großen Maßstab durchsetzen werden, ist offen. Doch bereits heute steht fest: Pilze sind weit mehr als ein faszinierender Bestandteil unserer Ökosysteme. Sie könnten künftig auch dazu beitragen, Gebäude ressourcenschonender zu errichten.

Die Vorstellung, dass ein Teil unserer Häuser eines Tages auf natürliche Weise wächst, ist damit kein Science-Fiction mehr.

Welternährungstag 2026: Super-El-Niño verschärft Hungersituation besonders in Afrika

Welternährungstag 2026: Super-El-Niño verschärft Hungersituation besonders in Afrika

Obwohl weltweit genügend Lebensmittel produziert werden, leiden hunderte Millionen Menschen an Hunger. Darauf macht der Welternährungstag am 16.10. aufmerksam. Der Welthunger-Index 2026 zeigt eine erschreckende Entwicklung, wonach sich seit 2018 die Ernährungssituation in vielen Ländern nach zwei Jahrzehnten guter Fortschritte deutlich verschlechtert hat. Die Klimakrise verschärft die Sitaution für viele Menschen. In zahlreichen Regionen der Welt drohen in den kommenden Monaten schwere Dürren, Ernteausfälle und Überschwemmungen. Besonders gefährdet sind Länder in Afrika, in denen viele Menschen bereits jetzt nicht ausreichend zu essen haben. Für dieses Jahr wurde ein Super-El-Niño prognostiziert, bereits jetzt wurden Rekordwerte erreicht.

645 Millionen Menschen leiden laut UN-Bericht zur Welternährung (Juli 2026) an Hunger. Besonders dramatisch ist die Situation in Afrika, wo jeder fünfte Mensch betroffen ist. Für fast ein Drittel der Weltbevölkerung ist gesunde Ernährung nicht leistbar.

Regional gibt es jedoch große Unterschiede: Während sich die Lage in Teilen Asiens verbessert hat, hat sich das Zentrum des globalen Hungers zunehmend nach Afrika verlagert. Hier leben inzwischen 48 Prozent der weltweit hungernden Menschen, im Jahr 2010 waren es 28 Prozent. Fortschritte im Kampf gegen Hunger sind fragil, aber sie sind möglich.

„Das ist eine Katastrophe, die sich ankündigt”, warnt Diakonie Österreich Direktorin Maria Katharina Moser. Laut Prognosen des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) könnten durch El Niño bis Ende 2027 zusätzlich mindestens 49 Millionen mehr Menschen von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen sein.

„Für Millionen Menschen ist Hunger schon jetzt bittere Realität. El Niño wird die Situation weiter verschärfen. Wenn Regen ausbleibt oder Überschwemmungen ganze Felder zerstören, verlieren Familien ihre gesamte Lebensgrundlage. Dabei leiden viele ohnehin bereits unter den negativen Auswirkungen des Klimawandels, von dem jene Menschen am stärksten betroffen sind, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben.“

Maria Katharina Moser, Direktorin der Diakonie Österreich

 

Welthunger-Index  (WHI) 2026 bestätigt eine alarmierende Trendwende

Nach fast zwei Jahrzehnten deutlicher Fortschritte hat der weltweite Hunger seit 2018 wieder zugenommen. In 32 Ländern hat sich die Hungersituation verschlechtert. 57 Länder werden beim bisherigen Tempo bis 2030 nicht einmal ein niedriges Hungerniveau erreichen.

Kriege und bewaffnete Konflikte, die Folgen der Klimakrise und wirtschaftliche Krisen verstärken sich gegenseitig. Der Bericht, den die Welthungerhilfe gemeinsam mit dem Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht (IFHV) der Universität Bochum und der Schweizer Organisation Helvetas herausgibt, beleuchtet den Zusammenhang zwischen Hunger und Sicherheit.

„645 Millionen hungernde Menschen weltweit sind ein Warnsignal. Sicherheit wird zu oft nur militärisch gedacht. Dabei ist Ernährungssicherheit eine Voraussetzung für Frieden und Stabilität. Kriege führen oft zu Hunger, und Hunger kann Konflikte weiter verschärfen. Gleichzeitig drohen die aktuellen Kriege auch weit entfernt von den Fronten noch mehr Menschen in den Hunger zu treiben.“

Marlehn Thieme, Präsidentin der Welthungerhilfe

Der Irankrieg und die Störungen der Schifffahrt durch die Straße von Hormus sowie die Eskalation rund um die Meerenge Bab al-Mandab lassen die Kosten für Diesel, Transporte und Düngemittel steigen. Zugleich drohen infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und eingeschränkter Getreideexporte über das Schwarze Meer weitere Preissteigerungen bei Weizen. Für Familien im Globbalen Süden werden Lebensmittel damit kaum noch bezahlbar.

 

Gebiete südlich der Sahara besonder betroffen

Laut WHI ist die Entwicklung in Afrika südlich der Sahara besorgniserregend. Dort liegen sieben der acht Länder mit einem sehr ernsten Hungerniveau. Somalia weist den höchsten WHI-Wert auf und El Niño wird die Ernährungslage dort noch weiter verschärfen. Trotz dieser Trends zeigt der Bericht, dass Fortschritte möglich sind: In Ländern wie Uganda und Nepal ist der Hunger zurückgegangen. Politische Stabilität und kontinuierliche Investitionen in Ernährung, Gesundheit, Bildung und Sanitärversorgung tragen zu diesen Erfolgen bei.

„Wer heute bei der Überwindung des Hungers und der Krisenvorsorge spart, riskiert morgen noch größere humanitäre Katastrophen und weitere Instabilität. Die Bundesregierung muss die Kürzungen bei und humanitärer Hilfe zurücknehmen und Ernährungssicherheit zum festen Bestandteil ihrer Außen-, Friedens- und Sicherheitspolitik machen. Dafür braucht es verlässliche, langfristige Investitionen in nachhaltige Landwirtschaft, widerstandsfähige und soziale Sicherungssysteme. Zugleich muss Deutschland sich stärker für diplomatische Konfliktlösungen und die konsequente Einhaltung des humanitären Völkerrechts einsetzen“, fordert Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe. „Ich habe in selbst gesehen, wie sehr das Überleben der Menschen davon abhängt, ob humanitäre Hilfe sie erreicht“, unterstreicht Mogge.

 

 

Mottos des Welternährungstags 2026 „Innovate today. Nourish tomorrow.“

Dieses Jahr stehen innovative Ansätze als Schlüssel für mehr Ernährungssicherheit im Fokus des Welternährungstages. Es geht dabei um die Förderung von Technologien, die helfen, Hunger wirksam zu mindern und Ernährungssysteme widerstandsfähiger zu machen.

„Der Welternährungstag erinnert daran, dass Innovation eine starke Triebkraft für globale Ernährungssicherheit ist. Gemeinsam mit der Austrian Development Agency investieren wir in mutige Innovationen und vielversprechende Initiativen, die entscheidende Herausforderungen in der Nothilfe und in Ernährungssystemen bewältigen – auch in einigen der fragilsten Regionen der Welt“, sagt Bernhard Kowatsch, Leiter des WFP Innovation Accelerators.

Zu den über den Innovation Accelerator des WFP geförderten Ideen zählt etwa ein Dosiergerät für Getreidemühlen in Afrika, das automatisiert wichtige Nährstoffe wie Vitamine und Mineralstoffe ins Mehl mischt. So erreichen nährstoffreichere Grundnahrungsmittel Menschen direkt über ihre tägliche Ernährung und tragen dazu bei, Mangelernährung zu verringern. Ein weiteres Projekt schult Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des WFP für den Einsatz spezieller geländegängiger Fahrzeuge. Dadurch gelangen Hilfsgüter auch bei Überschwemmungen und in schwer zugänglichen Regionen zuverlässig zu betroffenen Menschen.

Eine große Herausforderung für die Ernährungssicherheit sind zudem Verluste nach der Ernte. Um diese zu verringern, fördert der Innovation Accelerator Lösungen, die Lebensmittel besser vor Verderb schützen und Kleinbäuerinnen und Kleinbauern dabei helfen, mehr von ihrer Ernte zu bewahren, etwa anhand spezieller luftdichter Lagerungssäcke.

Klimadaten aus dem Weltall: Neue Technologie macht Treibhausgase sichtbar

Klimadaten aus dem Weltall: Neue Technologie macht Treibhausgase sichtbar

Wie viel CO₂ gelangt tatsächlich in unsere Atmosphäre? Wo entstehen besonders große Mengen an Treibhausgasen? Und lässt sich überprüfen, ob Klimaschutzmaßnahmen wirklich wirken? Bisher beruhen viele Antworten auf Berechnungen, Statistiken und gemeldeten Emissionsdaten. Doch eine neue Generation von Messsystemen könnte das verändern. Satelliten, Messstationen und moderne Computermodelle ermöglichen es zunehmend, Treibhausgase unabhängig zu erfassen und ihre Herkunft besser nachzuvollziehen. In Deutschland wurde dafür jetzt ein wichtiger technologischer Meilenstein erreicht.

 

Das Integrierte Treibhausgas-Monitoringsystem für Deutschland (ITMS) entwickelt ein System, das Treibhausgase nicht nur anhand von Produktionszahlen oder Energieverbrauch berechnet, sondern auch anhand tatsächlicher Messungen in der Atmosphäre untersucht. Dafür werden Daten von Satelliten, Flugzeugen und Messstationen miteinander kombiniert. Leistungsfähige Computermodelle helfen anschließend dabei, die gemessenen Konzentrationen möglichen Emissionsquellen zuzuordnen.

Im Mittelpunkt stehen drei besonders wichtige Treibhausgase: Kohlendioxid (CO₂), Methan und Lachgas. Das Besondere: Die Ergebnisse können unabhängig mit den offiziellen Emissionsstatistiken verglichen werden. Dadurch lässt sich besser erkennen, ob gemeldete Emissionen und atmosphärische Messungen zusammenpassen.

„Der heiße Sommer in diesem Jahr hat im Parlament zahlreiche Anfragen zu Klimaschutzmaßnahmen ausgelöst. ITMS liefert eine wichtige wissenschaftliche Grundlage für diese Diskussionen und hilft, Entscheidungen über gezielte Maßnahmen mit robusten Treibhausgasdaten zu untermauern“, sagte Sonja Baron vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) anlässlich der 4. ITMS-Generalversammlung .

 

Ein wichtiger Schritt ist gelungen

Nach vier Jahren Forschung wurde ein erstes funktionsfähiges System beim Deutschen Wetterdienst (DWD) erfolgreich umgesetzt. Die Technologie kann bereits unterschiedliche Messdaten zusammenführen und daraus unabhängige Schätzungen bestimmter Treibhausgasemissionen erstellen.

Jetzt beginnt die nächste Entwicklungsphase. In den kommenden vier Jahren soll aus dem bisherigen Forschungssystem ein zuverlässiges Instrument für den regelmäßigen Einsatz werden. Damit könnten künftig Veränderungen bei Treibhausgasemissionen genauer und unabhängiger beobachtet werden. Solche zuverlässigen Informationen sind entscheidend, um Emissionsveränderungen zu verstehen und den Fortschritt bei den deutschen Klimazielen zu bewerten.

 

Warum das für den Klimaschutz wichtig ist

Klimaschutz lässt sich nur dann wirksam steuern, wenn Fortschritte auch überprüfbar sind. Werden Emissionen tatsächlich reduziert? Wie entwickeln sich die Methanemissionen? Und welche Rolle spielen Wälder und Böden bei der Aufnahme von CO₂?

Neue Messsysteme können helfen, solche Fragen zuverlässiger zu beantworten. Sie ersetzen bestehende Emissionsstatistiken nicht, sondern ergänzen und überprüfen diese mit einer unabhängigen Datenbasis. Das ist besonders wichtig, weil sich manche Emissionen nur schwer direkt erfassen lassen und natürliche Prozesse ebenfalls Einfluss auf die Treibhausgaskonzentration haben.

 

Daten & Fakten

3 wichtige Treibhausgase stehen im Mittelpunkt: CO₂, Methan und Lachgas
4 Jahre dauerte die erste Forschungs- und Entwicklungsphase
2026 startete die nächste Entwicklungsphase des deutschen Monitoringsystems
4 weitere Jahre sind für die Entwicklung eines dauerhaft einsetzbaren Systems vorgesehen
3 Messplattformen Satelliten, Flugzeuge und Bodenstationen liefern wichtige Daten

 

Klimaschutz wird messbarer

Die eigentliche Innovation liegt nicht in einem einzelnen Satelliten oder einer neuen Messstation. Entscheidend ist die intelligente Verbindung unterschiedlicher Technologien. Was früher überwiegend aus Statistiken abgeleitet werden musste, lässt sich zunehmend durch Messungen in der Atmosphäre ergänzen und unabhängig überprüfen.

Noch befindet sich das System in der Entwicklung. Doch langfristig könnten solche Technologien dazu beitragen, Emissionsquellen besser zu erkennen, Klimaschutzmaßnahmen gezielter einzusetzen und ihre tatsächliche Wirkung transparenter zu machen. Denn eines wird immer wichtiger: Beim Klimaschutz zählen nicht nur die angekündigten Maßnahmen, sondern vor allem die nachweisbaren Ergebnisse. Gleichzeitig sollen das resultierende System und die Datenprodukte langfristig als Ressource für die Forschungsgemeinschaft dienen und weitere wissenschaftliche Entwicklungen sowie neue Forschungsfragen unterstützen.

 

Link

Mehr Informationen zur 4. ITMS-Generalversammlung und zum Start von Phase 2 finden Sie auch auf der BMFTR-FONA-Website https://www.fona.de/de/aktuelles/nachrichten/2026/10/261002_ITMS_Kick-Off_Phase-II.php.