Tag des Wolfes: Inwieweit wir Konkurrenz zulassen

Tag des Wolfes: Inwieweit wir Konkurrenz zulassen

Seit 2013 hat der deutsche Naturschutzbund NABU den Tag des Wolfes am 30. April ausgerufen, um Wissen über die Tiere zu vermitteln sowie die Ängste und Emotionen, die mit der Einwanderung der Wölfe in Deutschland und auch Österreich einhergehen, abzubauen. Dabei spielen sie eine wichtige Rolle beim Aufbau eines gesunden Mischwaldes, weil sie die Wildpopulationen reduzieren. Gerade im letzen Jahr gingen die Wogen zum Thema hoch, als letzten Mai der EU-weite Schutzstatus gesenkt wurde. Damit wurde der Abschuss von Wölfen erleichtert, was die Jägerschaft und auch viele Landwirte begrüßen, während Naturschützer die Erfolge der Ansiedelung gefährdet sehen. Sie fordern bessere Unterstützung der Landwirte durch die Politik zum Aufbau eines funktionierenden Herdenschutzes. Die Diskussion wird oft sehr emotional und Ängste schürend geführt. Es fehlt vielfach der Wille, echte Lösungen für ein gutes Miteinander zu suchen und zu finden. Dies betrifft nicht nur Wölfe, sondern auch andere wiederangesiedelte Wildtiere, die in Konkurrenz zu menschlichen Interessen stehen, wie zum Beispiel Fischotter und Biber.

 

Nachdem die Wölfe in ihre ehemals angestammten Lebensräume in Mitteleuropa (in geringer Zahl) zurückgekehrt sind, nehmen die Konflikte und unsachlichen Diskussionen sowie tatsächliche Wolfsabschüsse massiv zu. Der Konkurrent, der das jagdbare Wild (aus Kotproben in Deutschland geht hervor, das 96% der Nahrung aus Wildtieren stammt) sowie auch schlecht oder gar nicht geschützte Nutztiere reißt, wird von vielen Menschen abgelehnt. Dabei helfen Wölfe, die Wildtierpopulation auf ein  – für den Waldnachwuchs – gesundes Maß zu halten, das wir Menschen über viele Jahrzehnte künstlich hoch gehalten haben, mit massiven negativen Auswirkungen auf den Waldnachwuchs. Sie unterstützen dadurch die Artenvielfalt und födern die Regeneration geschädigter Ökosysteme.

Leider werden die Probleme, die einzelne Tiere durch den – manchmal massenhaften – Riss von Nutztieren verursachen, zum Anlass genommen, die Wölfe an sich abzulehnen. Es fehlt oft der echte Wille, sich mit dem Thema sachlich und lösungsorientiert auseinanderzusetzen, die Probleme adäquat zu adressieren und gemeinsam Schutzmaßnahmen zu definieren, die ein Miteinander von Wolf und Nutztierhaltung erlauben. Auch müssen die Länder die Landwirte finanziell bei den Zusatzleistungen, die dafür nötig sind, kräftig unterstützen, statt sie damit alleine zu lassen.

 

Situation in Deutschland

Grafik NABU Deutschland: Wölfe in Deutschland – verzeichnet sind Rudel, Paare und Einzeltiere mit festem Revier

 

NABU-Expertin für Wölfe und Beweidung Marie Neuwald erklärt: „Die politische Debatte kreist seit Jahren fast ausschließlich um Abschüsse. Dabei verhindert Bejagung keine Risse – das leistet nur wirksamer Herdenschutz. Entscheidend ist, dass Weidetierhaltende verlässlich unterstützt und beraten werden und die Politik hier Verantwortung übernimmt.“

Rechtliche Unsicherheiten und falsche Anreize

Die Aufnahme des Wolfs ins Bundesjagdgesetz ist Anfang April in Kraft getreten. Der NABU appelliert an die Länder, nicht in eine reguläre Bejagung einzusteigen, und warnt vor einem Flickenteppich unkoordinierter Abschüsse. „Beginnen Länder jetzt unkoordiniert mit der Jagd, droht ein Rückfall in einen ungünstigen Erhaltungszustand – mit Konflikten zum EU-Recht“, so Neuwald. Mindestens braucht es länderübergreifende, wissenschaftlich fundierte Konzepte zur Sicherung des Erhaltungszustands, die neben Abschüssen auch Verluste durch Verkehr und Krankheit einbeziehen

Herdenschutz wirkt – Bejagung nicht

Herdenschutz wirkt nachweislich: Die Risszahlen sinken seit Jahren, obwohl die Zahl der Wölfe steigt. Grund sind Förderprogramme und das Engagement vieler Betriebe. Neuwald betont: „Bejagung darf nicht als Ersatz oder Erleichterung für Herdenschutz verkauft werden. Wölfe halten dadurch nicht mehr Abstand zu Weiden und bleiben für ungeschützte Tiere ein Risiko.“

 

HIER geht es zu einem Faktencheck des NABU bezüglich Wolf und Herdenschutz

 

Situation in Österreich

Im Monitoringjahr 2025/26 wurden laut Naturschutzbund Österreich acht Wolfsrudel nachgewiesen – eines weniger als im Jahr zuvor. Nur vier davon leben vollständig in Österreich. Die übrigen Rudel sind grenzübergreifend und somit nicht eindeutig dem österreichischen Bestand zuzurechnen. In lediglich drei Rudeln wurde Fortpflanzung bestätigt, mit insgesamt mindestens sieben nachgewiesenen Welpen.

Mehr Abschüsse als Nachwuchs

Gleichzeitig wurden im Monitoringjahr 2025/26 insgesamt 27 Wölfe offiziell getötet, darunter auch Jungtiere. „Damit übersteigt die Zahl der Abschüsse die der nachgewiesenen Welpen deutlich. Es ist zwar davon auszugehen, dass nicht alle Welpen erfasst wurden, aber insgesamt erreicht von Natur aus nur ein Teil der Welpen das Erwachsenenalter. Das Beispiel legt jedenfalls die Schieflage zwischen lückenhafter Datengrundlage und intensiven Eingriffen offen“, sagt Lucas Ende, Experte beim Naturschutzbund Österreich.

Grafik Naturschutzbund Österreich

Keine wissenschaftliche Grundlage für Gefahrennarrative

Für die oft geäußerte Behauptung, Wölfe würden ohne Bejagung ihre Scheu vor Menschen verlieren und gefährlich werden, gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Wildtiere suchen nicht von selbst die Nähe des Menschen – entscheidend sind vielmehr Anreize wie Futter. „Der Naturschutzbund fordert daher ein Wolfsmanagement auf Basis belastbarer Daten mit Fokus auf Monitoring, Prävention in Form von Herdenschutz und sachlicher Informationsarbeit – statt weiterer pauschaler Eingriffe in einen ohnehin fragilen Bestand“, sagt Thomas Wrbka, Präsident des Naturschutzbundes Österreich.

 

Unser pro.earth. Fazit:

Wenn wir als Gesellschaft mehr Natur wollen, was wir in der EU mit der 30×30 Regel, also der Renaturierung von 30 Prozent unserer Flächen festgelegt haben – die wir zuerst zerstört haben, weshalb wir sie wieder herstellen müssen und die dabei helfen sollen, unsere Klimaziele (die in weite Ferne gerückt sind)  zu erreichen – dann müssenn wir auch Wildtiere, die wieder ihren Platz in unseren Systemen fordern, akzeptieren und Lösungen sowie Maßnahmen erarbeiten und diese auch finanzieren, damit dieses neue Miteinander gelingen kann. Dies erfordert intensive Arbeit und einen respektvollen Umgang, bei dem die Sorgen, Ängste und probleme ebenso ernstgenommen werden wie die Bemühungen, den einst ausgerotteten Tieren in unserer modernen Welt einen Platz einzuräumen.

Homeoffice als möglicher Schlüsselfaktor in der Energiekrise

Homeoffice als möglicher Schlüsselfaktor in der Energiekrise

Die 19. Befragungswelle der Konstanzer Homeoffice-Studie zeigt: Wenn alle Autopendler:innen nur einen Tag mehr pro Woche im Homeoffice arbeiten würden, könnten in Deutschland täglich rund 32 Millionen Liter Kraftstoff eingespart werden – knapp 19 Prozent des täglichen Verbrauchs. Die gute Nachricht: Die nötige Bereitschaft ist vorhanden, denn die Beschäftigten wünschen sich im Schnitt genau diesen einen Homeoffice-Tag mehr. Zugleich zeigen die Ergebnisse, dass Organisationen, die hybride Arbeit jetzt strukturiert gestalten, Engagement und Produktivität steigern. Das sind die zentralen Befunde der neuen Konstanzer Homeoffice-Studie von Florian Kunze und Kilian Hampel von der Universität Konstanz.

64 Prozent der Beschäftigten, deren Arbeit grundsätzlich im Homeoffice möglich ist, pendeln derzeit mit dem Auto zur Arbeit. Gleichzeitig wünschen sie sich im Durchschnitt fast einen Homeoffice-Tag mehr pro Woche. Genau dieser eine zusätzliche Tag würde einen bedeutenden Unterschied machen, so die Studienautoren: Wenn Millionen Beschäftigte an diesem Tag nicht ins Büro fahren würden, entfielen entsprechend viele Pendelkilometer – und damit ein erheblicher Teil des täglichen Kraftstoffverbrauchs. Laut Berechnungen der Konstanzer Homeoffice-Studie beträgt das Einsparpotenzial bei einem zusätzlichen Tag Homeoffice bereits 32 Millionen Liter Kraftstoff, was 19 Prozent des täglichen Kraftstoffverbrauchs in Deutschland entspricht.

„Wir haben hier ein seltenes Zusammentreffen von individuellen Wünschen, gesellschaftlichem Nutzen und betriebswirtschaftlichem Interesse. Aktuelle Studien zeigen, dass etwa drei Tage mobiles Arbeiten optimal für die objektive Produktivität in vielen Tätigkeiten wären – da gibt es also noch Optimierungspotenzial.“

Studienleiter Florian Kunze, Professor für Organizational Behavior und Mitglied des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“ an der Universität Konstanz

 

Homeoffice scheitert oft wegen struktureller Hürden

Insgesamt halten 62 Prozent der Befragten mehr Homeoffice wegen der gestiegenen Energiepreise für sinnvoll – dennoch haben bislang nur 20 Prozent ihr Verhalten aufgrund der steigenden Kosten angepasst. Der Grund liegt hierbei nicht in fehlender Motivation, sondern in strukturellen Hürden.
33 Prozent der Beschäftigten geben an, häufig ins Büro zu kommen, ohne dass dies inhaltlich notwendig wäre.
Ein Fünftel (20 Prozent) teilt sogar den Eindruck, dass viele Mitarbeitende im Büro ihre Zeit ohnehin eher absitzen.

„Ein sinnvoll gestalteter dritter Homeoffice-Tag wäre keine Abkehr von Zusammenarbeit, sondern ein Gewinn an Effizienz – für Beschäftigte, Unternehmen und das Energiesystem.“

Studienautor Kilian Hampel, Postdoc und Senior Research Fellow am Future of Work Lab der Universität Konstanz

 

Einstellung zu mobilem Arbeiten im Wandel

Die Skepsis von Führungskräften gegenüber mobilem Arbeiten scheint in den vergangenen Jahren deutlich gesunken zu sein: Der Anteil, der eine stärkere Präsenzpflicht befürwortet, fällt von 33 (2024) auf 22 Prozent, Kommunikationsbedenken halbierten sich seit 2024 von 43 auf 23 Prozent. Parallel dazu bleibt die Präsenzpflicht, im Vergleich zu den Vorjahren, auf niedrigem Niveau: Nur 21 Prozent berichten von verschärften Anwesenheitsregeln und die Daten bestätigen erneut: Wer zur Präsenz verpflichtet wird, ist deutlich erschöpfter, ohne einen messbaren Produktivitätsgewinn.

„Die Führungskultur in Deutschland verändert sich sichtbar. Führungskräfte, die hybride Arbeit professionell gestalten, werden selbst zu Impulsgeber:innen einer modernen Arbeitskultur. Organisationen, die krampfhaft versuchen, ihre Mitarbeitenden durch Zwang ins Büro zurückzuholen, müssen sich langfristig Gedanken um ihre Wettbewerbsfähigkeit machen.“

Kilian Hampel

Klare Strukturen und Regeln verbessern Produktivität

In der 19. Befragungswelle der Konstanzer Homeoffice-Studie wurde auch erstmals systematisch untersucht, ob Unternehmen hybride Arbeit durch klare Regeln und Leitlinien strukturieren. Das Ergebnis: Bei einem Drittel bis zur Hälfte der Unternehmen fehlen solche Strukturen noch. Dabei sind die Vorteile messbar: Beschäftigte in Unternehmen mit guten Regelungen für mobile Arbeit erfahren mehr kollegiale Unterstützung, berichten von größerem Engagement und höherer Produktivität.

„Hybrides Arbeiten funktioniert nicht von selbst. Es braucht klare Regeln und bewusst gestaltete Präsenzzeiten. Unternehmen, die darin jetzt investieren, reduzieren nicht nur die Energiekosten für die Beschäftigten – sie stärken auch den Zusammenhalt und die Leistungsfähigkeit ihrer Teams.“

Florian Kunze

 

Link

Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“ der Universität Koblenz

ARIA-Programm „Scoping Our Planet“: Infrastruktur für wirksamen Klimaschut

ARIA-Programm „Scoping Our Planet“: Infrastruktur für wirksamen Klimaschut

Die Advanced Research and Invention Agency (ARIA) investiert rund 56,8 Millionen Pfund in ein klar umrissenes Ziel: die Entwicklung einer verlässlichen, global skalierbaren Infrastruktur zur Messung von Treibhausgasen. Im Zentrum steht nicht ein technisches Detail, sondern eine strukturelle Schwäche der aktuellen Klimapolitik: fehlende Präzision bei der Erfassung von Emissionen.

Der Kampf gegen den Klimawandel hängt nicht nur von Zielen ab, sondern davon, ob Fortschritte objektiv messbar sind. Genau hier setzt das Programm an.

 

Von Zielsetzungen zu überprüfbarer Realität

Internationale Klimaziele – etwa im Rahmen des Paris Agreement – basieren heute weitgehend auf nationalen Emissionsinventaren. Diese kombinieren Messungen, Modelle und Annahmen. Die Folge sind Unsicherheiten, die sowohl politische Steuerung als auch Marktmechanismen schwächen.

Das ARIA-Programm verfolgt deshalb einen systemischen Ansatz:

Direkte Messung von CO₂- und Methanemissionen mit hoher räumlicher Auflösung
Kombination von Satellitendaten und bodengestützten Sensoren
Aufbau konsistenter Datensätze zur globalen Vergleichbarkeit
Zuordnung von Emissionen zu konkreten Quellen und Aktivitäten

Ziel ist es, Emissionen nicht mehr primär zu schätzen, sondern physikalisch belastbar zu erfassen.

Daten und Fakten:

Programmbudget: £56,8 Mio.
Fokus: CO₂ und Methan als zentrale Treiber der Erwärmung
Methan: rund 80-mal stärkeres Treibhausgas als CO₂ über 20 Jahre
Problem heute: signifikante Abweichungen zwischen gemeldeten und tatsächlich gemessenen Emissionen in mehreren Sektoren
Zeithorizont: mehrere Jahre, mit iterativer Entwicklung und Tests

 

Hebelwirkung für Klimapolitik und Märkte

Die Relevanz geht über Technologie hinaus. Eine präzise Emissionsmessung verändert die Grundlage für Entscheidungen:

Klimaziele werden überprüfbar und vergleichbar
CO₂-Märkte gewinnen an Glaubwürdigkeit, da Zertifikate messbar hinterlegt sind
Regulierung kann gezielter und wirksamer greifen
Unternehmen müssen reale Emissionen offenlegen, nicht nur modellierte Werte

Damit wird aus Klimapolitik ein stärker datengetriebenes System. Fortschritt oder Stillstand lassen sich nicht mehr politisch interpretieren, sondern müssen sich in messbaren Ergebnissen zeigen.

 

Risiko und Realität

Das Programm adressiert ein komplexes Problem mit unsicherem Ausgang. Technische Herausforderungen bei Messgenauigkeit, globale Skalierung und Datenintegration sind erheblich. Gleichzeitig ist der Ansatz konsequent: Ohne belastbare Daten bleibt Klimaschutz in zentralen Bereichen ein System mit begrenzter Steuerungsfähigkeit.

ARIA investiert hier nicht in inkrementelle Verbesserung, sondern in eine mögliche Grundlage für effektivere Klimapolitik. Ob das gelingt, entscheidet sich daran, ob aus Messung tatsächlich Handlungsfähigkeit entsteht.

 

Link zum ARIA Corporate Plan: https://aria.org.uk/media/qscgiu00/aria_corporate_plan_2025_final.pdf

Der Markt für CO₂-Entnahme entwickelt sich vom Nischenthema zur strategischen Infrastruktur

Der Markt für CO₂-Entnahme entwickelt sich vom Nischenthema zur strategischen Infrastruktur

Lange galt CO₂-Entnahme als theoretische Ergänzung zur Emissionsreduktion. Inzwischen verschiebt sich das Bild grundlegend. Große Unternehmen sichern sich erstmals langfristige Abnahmeverträge für CO₂-Entnahme – nicht als PR-Maßnahme, sondern als Teil ihrer Dekarbonisierungsstrategie. Medienberichte von Bloomberg und Reuters zeigen, dass sich ein neuer Markt etabliert, der über klassische CO₂-Kompensation hinausgeht.

Während Emissionsvermeidung weiterhin Priorität hat, wird klar: Bestimmte Emissionen sind technologisch oder wirtschaftlich kaum vermeidbar. Genau hier setzt Carbon Removal an – als zweite Säule neben der Reduktion.

 

Vom freiwilligen Ausgleich zum skalierbaren Markt

Der entscheidende Unterschied zur bisherigen Kompensationslogik liegt in der Qualität. Carbon Removal bedeutet, CO₂ physisch aus der Atmosphäre zu entfernen und dauerhaft zu speichern – etwa durch Direct Air Capture, Biomasse mit CO₂-Abscheidung oder verbesserte Verwitterung von Gestein.

Unternehmen wie Microsoft, Stripe oder Airbus schließen bereits mehrjährige Verträge mit Anbietern solcher Technologien ab. Ziel ist nicht kurzfristige Klimaneutralität auf dem Papier, sondern planbare CO₂-Entnahme in der Zukunft.

Damit entsteht erstmals ein echter Markt mit Preisstrukturen, Lieferketten und Skalierungslogik. Der Fokus verschiebt sich von symbolischen Zertifikaten hin zu messbarem, verifizierbarem Impact.

 

Daten und Fakten

Der globale Bedarf an CO₂-Entnahme wird laut International Energy Agency bis 2050 auf mehrere Milliarden Tonnen pro Jahr geschätzt
Aktuell liegt die reale Kapazität bei deutlich unter 1 Million Tonnen jährlich
Preise für hochwertige CO₂-Entnahme liegen derzeit oft zwischen 300 und 1.000 US-Dollar pro Tonne
Erste Großabnahmeverträge umfassen Volumina im Bereich von mehreren hunderttausend Tonnen CO₂ über mehrere Jahre
Der Markt für Carbon Removal könnte laut Schätzungen von McKinsey & Company bis 2030 ein Volumen von über 50 Milliarden US-Dollar erreichen

Diese Zahlen zeigen die Diskrepanz: Der Bedarf ist massiv, die aktuelle Kapazität minimal. Genau daraus entsteht die wirtschaftliche Dynamik.

 

Engpass bleibt Skalierung – nicht Nachfrage

Die zentrale Herausforderung liegt nicht mehr in der Nachfrage, sondern im Angebot. Technologien sind vorhanden, aber noch nicht im industriellen Maßstab ausgerollt. Infrastruktur, Energiebedarf und Kosten sind die limitierenden Faktoren.

Gleichzeitig entsteht ein strategisches Rennen: Wer sich früh Zugang zu verlässlicher CO₂-Entnahme sichert, verschafft sich einen Vorteil – regulatorisch wie wirtschaftlich. Denn mit steigenden Anforderungen an Netto-Null-Ziele wird Carbon Removal für viele Branchen unvermeidlich.

Der Markt steht damit an einem Wendepunkt. Was heute noch teuer und begrenzt ist, könnte sich in den kommenden Jahren zu einer zentralen Säule der globalen Klimawirtschaft entwickeln. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, aus einzelnen Pilotprojekten eine skalierbare Industrie aufzubauen.

Folge 15: Südtirol – alpine Landwirtschaft, Architektur und nachhaltige Transformation

Folge 15: Südtirol – alpine Landwirtschaft, Architektur und nachhaltige Transformation

Eine Region, die Nachhaltigkeit zur Strategie gemacht hat

Südtirol ist kein klassisches „Naturparadies“, das einfach nur von seiner Landschaft lebt. Die Region hat in den letzten zwei Jahrzehnten etwas deutlich Anspruchsvolleres aufgebaut: ein funktionierendes System aus Tourismus, Landwirtschaft, Energie und Architektur, das wirtschaftlich erfolgreich ist – und gleichzeitig stark auf Nachhaltigkeit setzt.

Zwischen Bozen, Meran und den Dolomiten entsteht ein Modell, das zeigt, wie alpine Regionen langfristig bestehen können. Nicht durch Verzicht, sondern durch klare Entscheidungen, hohe Standards und konsequente Umsetzung.

 

Anreise & Mobilität – organisiert statt improvisiert

Südtirol ist hervorragend an das europäische Bahnnetz angebunden, etwa über Innsbruck oder Verona. Zentraler Knotenpunkt ist Bozen, von wo aus Regionalzüge und Busse in alle Täler führen.

Vor Ort funktioniert Mobilität überraschend effizient:

dichtes Netz aus Regionalzügen, Seilbahnen und Bussen
integrierte Ticketsysteme wie die Mobilcard Südtirol
Seilbahnen als Teil des öffentlichen Verkehrs, nicht nur als Tourismusattraktion
E-Bike-Infrastruktur und durchgehende Radwege durch viele Täler

Das Ergebnis: Viele Gäste verzichten komplett auf das Auto, ohne Einschränkungen bei Reichweite oder Komfort.

 

Übernachten – hohe Standards, klare Kriterien

Südtirol hat den Unterkunftsmarkt stark professionalisiert. Nachhaltigkeit ist hier kein Marketing-Add-on, sondern häufig Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit.

Typisch sind:

Hotels mit Klimahaus-Standard (energieeffiziente Bauweise)
konsequenter Einsatz von Holz, Stein und lokalen Materialien
klare Trennung zwischen Masse und Qualität – viele Betriebe setzen bewusst auf weniger Gäste bei höherem Niveau
enge Zusammenarbeit mit regionalen Produzenten

Auch im gehobenen Segment zeigt sich: Luxus wird zunehmend über Raum, Ruhe und Qualität definiert – nicht über Größe oder Konsum.

 

Aktivitäten – gesteuert statt überlaufen

Die Dolomiten gehören zu den spektakulärsten Berglandschaften Europas. Gleichzeitig ist Südtirol eine der wenigen Regionen, die aktiv versucht, Überlastung zu steuern:

Besucherlenkung in stark frequentierten Gebieten
Förderung weniger bekannter Täler und Routen
Ausbau von Ganzjahresangeboten, um saisonale Spitzen zu entzerren
klare Regeln für Naturschutzgebiete

Wandern, Radfahren, Skitouren und Naturerlebnisse stehen im Fokus – zunehmend ergänzt durch Angebote im Bereich Achtsamkeit, Gesundheit und Naturbildung.

 

Kulinarik – Landwirtschaft als Rückgrat

Ein zentraler Unterschied zu vielen anderen Tourismusregionen: In Südtirol ist die Landwirtschaft noch wirtschaftlich relevant – und eng mit dem Tourismus verknüpft.

Das zeigt sich auf dem Teller:

Obst, Wein und Gemüse aus eigener Produktion
Milch- und Fleischprodukte aus regionaler Landwirtschaft
klare Herkunftskennzeichnung
starke Präsenz von Bio- und Qualitätsinitiativen

Die Küche verbindet alpine Tradition mit mediterranen Einflüssen – aber immer mit Fokus auf Produktqualität und Herkunft.

 

Nachhaltigkeitsfaktor – systemisch statt punktuell

Südtirol arbeitet nicht mit Einzelprojekten, sondern mit einem systemischen Ansatz:

Energiepolitik mit starkem Fokus auf Wasserkraft und erneuerbare Quellen
strenge Bauvorschriften und Raumplanung
Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe
klare Positionierung gegen ungezügeltes Wachstum im Tourismus

Entscheidend ist: Nachhaltigkeit wird hier als wirtschaftliche Notwendigkeit verstanden – nicht als Idealismus.

 

Fazit – Ein funktionierendes Modell mit Grenzen

Südtirol zeigt, wie weit man kommen kann, wenn Nachhaltigkeit konsequent umgesetzt wird. Gleichzeitig wird auch sichtbar, wo die Grenzen liegen: steigende Preise, hoher Wettbewerbsdruck und die permanente Herausforderung, Balance zu halten.

Mehr Informationen zu Südtirol: https://www.suedtirol.info/de/de

Nächste Folge: Bayerischer Wald – Nationalpark, Waldwildnis und nachhaltige Regionalentwicklung

 

Der Atlantikstrom wird schwächer – was das wirklich für Europa bedeutet

Der Atlantikstrom wird schwächer – was das wirklich für Europa bedeutet

Die Debatte um den Atlantikstrom wird häufig zugespitzt geführt. Schlagzeilen sprechen von einem möglichen Einbruch und deutlich kälteren Wintern in Europa. Tatsächlich ist die Lage differenzierter. Gemeint ist die Atlantic Meridional Overturning Circulation, ein komplexes Strömungssystem im Atlantik, das Wärme aus den Tropen nach Norden transportiert und das Klima in Europa wesentlich beeinflusst.

 

Zwischen Frühwarnsignal und Realität

Bereits frühere Studien haben Hinweise auf mögliche Frühwarnsignale geliefert, dass sich die AMOC einem kritischen Zustand nähern könnte. Diese Forschung zeigt, dass sich das System langfristig verändern kann und potenziell anfälliger wird.

Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass ein unmittelbarer Kollaps bevorsteht. Aktuelle Messungen deuten vielmehr auf eine Abschwächung hin, die sich über Jahrzehnte entwickelt. Klimamodelle gehen davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen könnte, ein vollständiger Zusammenbruch in diesem Jahrhundert jedoch als wenig wahrscheinlich gilt.

Daten und Fakten:

Die AMOC hat sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts messbar verlangsamt
Schmelzwasser aus Grönland hat sich seit den 1990er-Jahren mehr als vervierfacht
Studien identifizieren mögliche Frühwarnsignale für strukturelle Veränderungen
Ein Kollaps wird als möglich, aber derzeit als unwahrscheinlich im 21. Jahrhundert bewertet

 

Warum „kältere Winter“ zu kurz greift

Die oft gezogene Schlussfolgerung, Europa müsse sich auf deutlich kältere Winter einstellen, greift zu kurz. Zwar spielt die AMOC eine zentrale Rolle beim Wärmetransport, doch gleichzeitig überlagert die globale Erwärmung diesen Effekt.

Selbst bei einer weiteren Abschwächung ist kein einfaches Szenario zu erwarten, in dem Europa insgesamt kälter wird. Wahrscheinlicher sind Verschiebungen in regionalen Wettermustern, stärkere Schwankungen und eine Zunahme von Extremereignissen. Die Entwicklung ist nicht linear, sondern von mehreren Faktoren gleichzeitig geprägt.

Daten und Fakten:

Die globale Erwärmung wirkt weiterhin als dominanter Einflussfaktor
Veränderungen der AMOC können regionale Klimamuster verschieben
Modelle zeigen zunehmende Variabilität statt klarer Abkühlungstrends
Eine Abschwächung kann zu einem regionalen Meeresspiegelanstieg von bis zu 20–30 cm zusätzlich an der US-Ostküste führen

Ein wachsendes systemisches Risiko

Die eigentliche Bedeutung der AMOC liegt weniger in einzelnen Temperatureffekten als in ihrer Rolle für die Stabilität des Klimasystems. Veränderungen beeinflussen Niederschläge, Meeresströmungen und langfristig auch wirtschaftlich relevante Systeme.

Für Europa entsteht daraus vor allem ein Risiko: zunehmende Unsicherheit. Landwirtschaft, Energieversorgung und Infrastruktur sind auf stabile klimatische Bedingungen ausgelegt. Wenn diese Stabilität abnimmt, steigen Planungsrisiken und Anpassungskosten.

Der Atlantikstrom bricht derzeit nicht zusammen. Aber er verändert sich – und genau darin liegt die Herausforderung. Nicht ein einzelner Effekt wie kältere Winter ist entscheidend, sondern die schleichende Destabilisierung eines Systems, auf das sich ganze Volkswirtschaften verlassen.

Plastik im Körper: Wie schnell Verzicht messbare Effekte zeigt

Plastik im Körper: Wie schnell Verzicht messbare Effekte zeigt

Wir leben im sogenannten Plastikzeitalter.Weltweit wird über die Auswirkungen von Kunststoffchemikalien und Mikroplastik auf die Umwelt, die Tierwelt und auch unsere Gesundheit geforscht. Neue Studien zeigen nicht nur, dass Plastikpartikel im Blut, in Organen und sogar im Gehirn nachweisbar sind – sondern auch, dass sich ihre Konzentration überraschend schnell, nämlich innerhalb einer Woche, reduzieren lässt. Entscheidend ist dabei weniger Hightech als ein einfacher Hebel: der direkte Verzicht im Alltag. Dies ergab eine klinische Studie, die den Gehalt an Kunststoffchemikalien im menschlichen Körper untersuchte.

 

Forscher der University of Western Australia, die an der Studie „Plastic Exposure Reduction Transforms Health“ (PERTH) mitwirkten, haben in den letzten drei Jahren die Belastung durch Kunststoffchemikalien bei Erwachsenen in Perth, Westaustralien, gemessen. In „Nature Medicine“ veröffentlichte Ergebnisse zeigten, dass durch die Minimierung von Kontaktpunkten mit Kunststoffen – darunter Materialien für die Lebensmittelverarbeitung, Lebensmittelverpackungen und Küchenutensilien – sowie durch die Verwendung von Körperpflegeprodukten mit geringem Gehalt an Kunststoffchemikalien die Konzentration dieser Chemikalien im menschlichen Körper innerhalb von sieben Tagen gesenkt werden konnte.

Daten und Fakten:

Bei 100 Prozent der Teilnehmer wurden hohe Konzentrationen von Kunststoffchemikalien im Körper nachgewiesen, wobei bei jedem Teilnehmer an jedem beliebigen Tag mindestens sechs verschiedene chemische Substanzen festgestellt wurden.
Hauptaufnahmequelle war die Nahrung, insbesondere verpackte Lebensmittel
weitere Kontaktpunkte sind Materialien für die Lebensmittelverarbeitung und Küchenutensilien aus Kunststoff sowie Verwendung von Körperpflegeprodukten
Eine Woche Plastikverzicht kann die Belastung messbar reduzieren –die Phthalate gingen um mehr als 44 Prozent und die Bisphenole (wie BPA und BPS) um mehr als 50 Prozent zurück
und zwar durch den weitgehenden Verzicht von Plastik bei Lebensmitteln, deren Verpackung, Küchenutensilien und auch Pflegeprodukten

Die zentrale Erkenntnis: Der menschliche Körper reagiert deutlich schneller auf veränderte Exposition als bisher angenommen.

Die leitende Forscherin und Hauptautorin, klinische Professorin Michaela Lucas von der Medizinischen Fakultät der UWA, erklärte, während  sich andere Forschungsarbeiten auf die potenziellen Gefahren von Mikro- und Nanokunststoffen konzentriert hatten, war die Erforschung der gesundheitlichen Auswirkungen von kunststoffassoziierten Chemikalien – die bis zu 70 Prozent des Gewichts von Kunststoffen ausmachen können – ebenso entscheidend. In einer Presseaussendung erklärte sie:

„Unsere Ergebnisse zeigten, dass eine strikte Einhaltung einer Ernährung mit Lebensmitteln, die weder bei der Herstellung noch bei der Verpackung mit Kunststoff in Berührung gekommen sind, die Konzentration von Kunststoffchemikalien in unserem Körper bereits innerhalb einer Woche senken kann. Ob dies auch erhebliche gesundheitliche Vorteile mit sich bringt, wird derzeit noch untersucht.“

 

Lebensmittel als Haupttreiber der Belastung

Mehr als 16.000 Chemikalien wie BPA, BPS, PFAS (Ewigkeitschemikalien) und Phthalate werden bei der Herstellung von Kunststoffen für Lebensmittel- und Getränkeverpackungen, Küchenutensilien, Frischhaltefolie, Kunststoffbehälter für Lebensmittel und Getränke sowie Körperpflegeprodukte und viele andere Artikel verwendet. Sogar scheinbar harmlose Quellen wie Teebeutel oder Beschichtungen setzen kontinuierlich Mikroplastik frei.

Besonders kritisch ist, dass diese Partikel nicht nur aufgenommen, sondern teilweise im Körper angereichert werden. Neue Studien zeigen, dass Plastikpartikel im Blut, in Organen, der Plazenta und sogar im Gehirn nachweisbar sind. Die langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen sind noch nicht abschließend geklärt, jedoch deuten erste Studien auf Zusammenhänge mit Entzündungsreaktionen, hormonellen Effekten und Zellstress hin.

“Wir haben zwei wichtige Arten von Kunststoffchemikalien untersucht, nämlich Bisphenole und Phthalate, die beide die endokrinen bzw. hormonellen Funktionen unseres Körpers beeinträchtigen können und mit Unfruchtbarkeit sowie kardiometabolischen Erkrankungen in Verbindung gebracht werden.“

Professor Michaela Lucas von der Medizinischen Fakultät der UWA

 

Daten und Fakten:
– Menschen nehmen schätzungsweise zehntausende Mikroplastikpartikel pro Jahr auf
– Hitze und mechanische Belastung erhöhen die Freisetzung aus Verpackungen
– Getränke aus Plastikflaschen zeigen besonders hohe Partikelkonzentrationen
– Ultraverarbeitete Lebensmittel enthalten häufiger Mikroplastikrückstände

 

Systemproblem statt Einzelfall

Was auf individueller Ebene einfach wirkt – weniger Plastik verwenden – ist auf Systemebene deutlich komplexer. Die globale Lebensmittel- und Verpackungsindustrie ist strukturell auf Kunststoffe angewiesen: aus Gründen der Haltbarkeit, Logistik und Kosten.

Genau hier liegt die wirtschaftliche Dimension. Wenn kurzfristige Verhaltensänderungen bereits messbare Effekte zeigen, entsteht mittelfristig Druck auf Produzenten, Alternativen zu entwickeln. Biobasierte Materialien, Mehrwegsysteme und neue Verpackungstechnologien werden damit nicht nur ökologische, sondern auch gesundheitliche Relevanz bekommen.

Daten und Fakten:
– Weltweit werden jährlich über 400 Millionen Tonnen Plastik produziert
– Ein erheblicher Anteil entfällt auf Verpackungen im Lebensmittelbereich
– Recyclingquoten bleiben global unter 20 %
– Mikroplastik entsteht sowohl durch Zerfall als auch direkt bei Nutzung

 

Fazit

Ein komplexes Umweltproblem lässt sich auf individueller Ebene sofort beeinflussen. Gleichzeitig zeigt sich aber auch die Grenze dieses Ansatzes – ohne strukturelle Veränderungen in Produktion und Verpackung bleibt der Effekt begrenzt.

Für Unternehmen entsteht daraus ein klarer Handlungsdruck. Wer früh auf plastikreduzierte oder plastikfreie Lösungen setzt, adressiert nicht nur Nachhaltigkeit, sondern ein wachsendes Gesundheitsbewusstsein. Genau daraus entstehen erfahrungsgemäß die nächsten skalierbaren Märkte.

 

Link

Studie „Low-plastic diet and urinary levels of plastic-associated phthalates and bisphenols: the randomized controlled PERTH Trial“

Petersberger Klimadialog in Zeiten internationaler Krisen

Petersberger Klimadialog in Zeiten internationaler Krisen

Deutschland lud am 21. und 22. April zu den Petersberger Klimadialogen in Berlin ein, um die 31. Weltklimakonferenz (COP 31) strategisch vorzubereiten und zentrale Prioritäten für das Klimajahr 2026 mit über 40 Ländern zu diskutieren. Der Handlungsdruck wächst: Internationale Krisen verschärfen die Lage, technologischer Fortschritt schafft neue Anforderungen und gleichzeitig gerät die Klimakrise zunehmend aus dem Fokus. Umso wichtiger ist es jetzt, konkrete Maßnahmen zu entwickeln und umzusetzen.

 

Der 17. Petersberger Klimadialog (PCD) findet zu einem entscheidenden Zeitpunkt für den internationalen Klimaschutz statt. Das jährlich von Deutschland einberufene Treffen bietet Ministern und hochrangigen Vertretern einen wichtigen politischen Rahmen für den Meinungsaustausch im Vorfeld der nächsten UN-Klimakonferenz, der COP31, die im November 2026 in Antalya, Türkei, stattfinden soll.

Deutschland richtete den diesjährigen Dialog in enger Zusammenarbeit mit der künftigen türkischen COP31-Präsidentschaft und Australien aus, das eine führende Rolle bei den Vorbereitungen für die Konferenz spielen wird. Die diesjährigen Diskussionen konzentrierten sich vorwiegend auf drei Hauptprioritäten : die Umsetzung des Pariser Abkommens, die internationale Klimafinanzierung und die geopolitische Resilienz.

 

Fossile Krise als Beschleuniger der Energiewende

Die durch den Iran-Krieg ausgelöste fossile Krise zeigt erneut, wie verwundbar eine auf Öl, Gas und kritische Rohstoffe gestützte Energieversorgung ist. Umso wichtiger ist eine klare Strategie hin zu mehr Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern. Die Petersberger Klimadialoge sollten deshalb ein Signal für beschleunigten Klimaschutz setzen, der in den vergangenen Monaten massiv unter Druck stand.

Auch die anstehenden internationalen Treffen – die Santa Marta-Verhandlungen zum Fossil Fuel Treaty Ende April in Kolumbien sowie die Konferenz der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) in London – bieten die Chance, den Kurs der Dekarbonisiserung weiter zu festigen.

UN-Klimachef Simon Stiell meint dazu in einem Statement: „Die Zusammenarbeit für das Klima ist der Schlüssel, um die doppelte Gefahr der globalen Erwärmung und des Kostenchaos durch fossile Energien abzuwehren“, sagte Stiell. „Saubere Energie bietet Sicherheit und Bezahlbarkeit und gibt den Nationen und Völkern ihre Souveränität zurück. Nie war es wichtiger, schneller ins Handeln zu kommen.“ Wie der deutsche Umweltminister Carsten Schneider bezeichnete auch Stiell die Wende hin zu sauberen Energien als unumkehrbar.

Dies sieht Viviane Raddatz, Klimachefin beim WWF Deutschland, ähnlich. “Angesichts der Krisen unserer Zeit kann die Bedeutung internationaler Zusammenarbeit nicht genug betont werden. Wir als Staatengemeinschaft haben es in der Hand, eine lebenswerte Zukunft für alle zu schaffen. Wir können der Klimakrise Einhalt gebieten. Konferenzen wie der Petersberger Klimadialog sind wichtige Plattformen dafür, Herausforderungen zu besprechen und Lösungen zu finden”, sagt sie.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) habe sich beim Petersberger Klimadialog klar zum Pariser Klimaschutzabkommen, der multilateralen Zusammenarbeit und dem europäischen Emissionshandel bekannt, so Greenpeace Deutschland. Der Kanzler hob das Potential der erneuerbaren Energien auch als Antwort auf die geopolitischen Herausforderungen hervor. Im vagen ließ Friedrich Merz, welche Chancen ein Kurswechsel bei den anstehenden klima- und energiepolitischen Gesetzesvorhaben für Deutschland birgt, kritisiert Martin Kaiser, geschäftsführender Vorstand von Greenpeace:

„Nie hat Bundeskanzler Merz deutlicher ausgesprochen, wie eng die aktuelle fossile Preiskrise und die geopolitischen Turbulenzen zusammenhängen. Allerdings ließ der Kanzler die konkreten Konsequenzen für die deutsche Klimapolitik offen. Nötig wären jetzt klare Schritte, die den Verbrauch von Öl und Gas senken. Die spürbar steigende Nachfrage nach Wärmepumpen, Balkonkraftwerken und E-Autos zeigt, dass die Menschen im Land die Vorteile der Erneuerbaren sehen und nutzen.”

WWF-Klimachefin Viviane Raddatz kritisiert vor allem die falsche Richtung vieler in Deutschland geführten Diskussionen um Mini-AKWs, die Verschiebung des Verbrenner-Aus und den langsameren Ausbau der Erneuerbaren Energien. „Die Vorhaben aus dem Wirtschafts- und Energieministerium liegen komplett quer zu dem, was man tun müsste. Hier braucht es deutlich mehr Bekenntnis zum Einsparen von fossilen Energieträgern und zur Elektrifizierung.“

Pauline Schur, Teamleitung Klima und Verkehr bein Naturschutzbund NABUs hält fest:

„Die derzeitige Krise führt uns erneut vor Augen, wie dringend die Abkehr von fossilen Energieträgern ist. Wer heute noch an fossilen Strukturen festhält, verlängert nicht nur die Klimakrise, sondern auch Europas strategische Verwundbarkeit. Umso entscheidender ist jetzt politische Klarheit. Die Petersberger Klimadialoge dürfen nicht zur Bühne für Verzögerung oder Relativierung werden. Sie müssen ein Signal für beschleunigten Klimaschutz und konsequente Unabhängigkeit setzen.

Dabei reiche es nicht, den Ausbau erneuerbarer Energien und die Elektrifizierung allein voranzutreiben. Neben Fortschritten bei der Klimafinanzierung steht für den NABU auch eine Ende der weltweiten Entwaldung und Entwässerung ganz oben auf der To-Do-Liste der Staatengemeinschaft.

Auch die anstehenden internationalen Prozesse, etwa bei der International Maritime Organization oder den Santa-Marta-Verhandlungen zu einem Fossil Fuel Treaty, bieten die Chance, den Dekarbonisierungskurs global zu verankern. Die Petersberger Klimadialoge können und müssen dafür den entscheidenden Impuls liefern.

Die aktuelle Krise ist ein Wendepunkt. Jetzt kommt es darauf an, diese Erkenntnis in konkrete Politik zu übersetzen – mit klarer Führung, verbindlichen Entscheidungen und dem Mut, überfällige Strukturreformen anzugehen. Nur so kann Deutschland gemeinsam mit seinen Partnern eine glaubwürdige und ambitionierte Rolle im internationalen Klimaschutz einnehmen.”

Windkraftleistung weltweit stark gestiegen – fossile Krise erhöht Tempo

Windkraftleistung weltweit stark gestiegen – fossile Krise erhöht Tempo

Zeitgleich zu anhaltenden Preisschocks auf den Öl- und Gasmärkten im Rahmen der fossilen Krise durch die blockierte Straße von Hormus verzeichnet die Windenergie weltweit einen Rekord und auch europaweit im ersten Quartal 2026 deutliches Wachstum. So wurde weltweit im Jahr 2025 ein Zuwachs von 40 Prozent an neuer Windkraftleistung verzeichnet. 

 

Der kürzlich veröffentlichte Global Wind Report 2026 des Global Wind Energy Council (GWEC) zeigt abermals ein Rekordjahr für die Windenergie: Im Jahr 2025 wurden weltweit 165 GW neue Windkraftleistung installiert – ein Plus von 40 % gegenüber dem Vorjahr. Damit erreicht die globale Windkraft aktuell fast 1,3 Terawatt Gesamtkapazität. Treiber ist dabei einmal mehr China, gefolgt von Indien und Europa, wo die Windkraft zuletzt stark zugelegt hat. Im vergangenen Jahr machten erneuerbare Energien fast die Hälfte der weltweiten Stromerzeugungskapazität aus. Der weltweite Anstieg installierter Windkraftkapazität wurde laut GWEC von der starken Nachfrage nach neuen Windkraftanlagen an Land getragen, die um 42 % auf 155,3 GW stieg.

 

Zweithöchste Steigerung in Geschichte Deutschlands

Windkraft an Land hat im Vorjahr in Europa gegenüber 2024 um 23 % zugenommen. Größter Treiber in Europa war einmal mehr Deutschland – mit einem Zubau an Onshore-Windkraft von 5,2 GW, der zweithöchsten Steigerung in der Geschichte des deutschen Ausbaus. „Der Ausbauschub in Deutschland ist auf verbindliche Länderziele und Verfahrensbeschleunigung zurückzuführen. Auch durch die konsequente Umsetzung der europäischen Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED III)”, so IG Windkraft-Geschäftsführer Florian Maringer zu dieser beeindruckenden Entwicklung. „Andere Länder in Europa sind wiederum oft säumig, Flächen auszuweisen. Die Staaten sind gefordert, Investitions- und Planungssicherheit herzustellen. Etwa durch Entbürokratisierung und ambitionierte Ziele.“

 

Wind Europas wichtigste erneuerbare Stromquelle

Auch der aktuelle europäische Strommarktbericht sieht zeitgleich zur fossilen Krise im Nahen Osten einen klaren Trend: In Europa hat die Windkraft im ersten Quartal 2026 gegenüber dem Vergleichszeitraum 2025 deutlich zugelegt und ist mit einem Zuwachs von 22 % auf 173,7 TWh erneut die wichtigste erneuerbare Stromquelle. Insgesamt erreichte die erneuerbare Stromerzeugung (Wind, PV, Wasserkraft) in Europa mit 384,9 TWh einen neuen Quartalsrekord, was maßgeblich dazu beitrug, Preisspitzen am Gasmarkt abzufedern.

Ein zentraler Treiber dieser Entwicklung ist auch die hohe Wirtschaftlichkeit der Windenergie: Onshore-Windenergie weist mittlerweile die weltweit niedrigsten durchschnittlichen Stromgestehungskosten (LCOE) aller erneuerbaren Technologien auf. Zwischen 2010 und 2024 sind diese Kosten um rund 70 % gesunken.

Gerade vor dem Hintergrund der erneut angespannten geopolitischen Lage – vom Großkonflikt im Nahen Osten bis zu weiteren Unsicherheiten bei globalen Energieflüssen – zeigt sich die strategische Bedeutung der Windkraft deutlich: Mehr erneuerbarer Strom reduziert die Abhängigkeit von fossilen Importen und stabilisiert Energiemärkte.

„Vermeintlich offen – dann wieder zu. Fest steht: die Straße von Hormus wird über Wochen und Monate eine dire strait bleiben. Das zeigt deutlich die Bedrohung durch fossile Energie. Heimische und regionale Energie vor Ort, insbesondere die Windkraft, sind ein zentraler Baustein für Versorgungssicherheit und Preisstabilität – weltweit und ganz besonders in Europa“, betont Florian Maringer, Geschäftsführer der IG Windkraft.

 

Windkraft wird zum Stabilitätsfaktor in unsicheren Energiemärkten

Der GWEC-Bericht weist auf zentrale Herausforderungen hin: unzureichende Netzinfrastruktur, lange Genehmigungsverfahren sowie Engpässe bei Finanzierung und Fachkräften. Bis 2030 wird die Windenergie weltweit rund 628.000 zusätzliche Fachkräfte für Bau und Betrieb von Windkraftanlagen schaffen.

Für Europa ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag: Der Ausbau der Windkraft muss mit dem steigenden Strombedarf, der Elektrifizierung und den energiepolitischen Sicherheitszielen Schritt halten. „Die Windkraft liefert heute schon einen wesentlichen Beitrag zu Versorgungssicherheit, Standortstabilität und Wettbewerbsfähigkeit.Wir sind bereit noch mehr zu leisten. Entscheidend ist, dass die politischen Rahmenbedingungen das ermögliche“, so Maringer abschließend.

Extreme Trockenheit in Deutschland, Österreich und weiten Teilen Europas

Extreme Trockenheit in Deutschland, Österreich und weiten Teilen Europas

Seit Beginn der Auswertung 1931 war es in Deutschland im Zeitraum von Anfang Februar bis Mitte April noch nie so trocken wie in diesem Jahr. Das meldet der Deutsche Wetterdienst (DWD) nach Auswertung seiner Klimadatenbank. Die Monate Februar und März 2025 waren nicht nur in Deutschland, sondern von den Beneluxstaaten über Norddeutschland bis zur schwedischen Ostseeküste sowie ins Baltikum viel zu trocken. Auch in Österreich wurden vorallem im Süden und Südosten historische Tiefstwerte bei den Niederschlagsmengen in den vergangenen Wochen verzeichnet. Im südlichen Europa war es im selben Zeitraum dagegen weitgehend zu nass. 

 

Im Flächenmittel von Deutschland erfasste der DWD zwischen dem 1. Februar und 13. April 2025 nur rund 40 Liter Regen pro Quadratmeter. Das entspricht einem Minus beim Niederschlag verglichen mit dem Referenzzeitraum 1991-2020 von etwa 88 Litern oder 68 Prozent. Bisher war es in diesen rund zehn Wochen im Jahr 1976 am trockensten gewesen. Damals fielen mit rund 55 Litern 43 Prozent des vieljährigen Mittels. Außergewöhnlich niederschlagsarm war es 2025 im genannten Zeitraum im Nordwesten Deutschlands. Dort wurden vom DWD verbreitet unter 35 Prozent der üblichen Niederschlagsmengen gemessen. In den südöstlichen Landesteilen waren es zumeist 50 bis 80 Prozent. Nur in wenigen einzelnen Regionen wurde das Niederschlagssoll nahezu erreicht. Bis Mitte nächster Woche kommt es in Deutschland, so die Wettervorhersage des nationalen Wetterdienstes, dann zumindest gebietsweise zu nennenswerten Niederschlägen. Die Trockenheit sollte sich damit wenigstens regional abschwächen.

Süden und Südosten Österreichs verzeichnet historisch niedrigste Niederschlagswerte

Ähnlich trocken ist es in manchen Teilen Österreichs, in denen seit Monaten kein flächendeckender anhaltender Regen gefallen ist. Dazu zählen Teile Salzburgs, Kärntens, der Steiermark und Südburgenland. Das Minus beträgt zum Teil bis zu 90 Prozent der üblichen Niederschlagswerte. Dies hat massive Auswirkungen auf die Vegetation insgesamt, die Landwirtschaft im speziellen und auch den Wald. So blüht die Fichte dieses Jahr extrem stark, Gräser und Feldfrüchte sind in ihrem Wachstum ebenso beeinträchtigt wie Obstbäume. Die Waldbrandgefahr nimmt massiv zu. Problematisch ist, dass in den nächsten Wochen laut den momentanen Prognosen kein anhaltender Regen kommen wird um die Situation zu entschärfen und die Grundwasserreserven wieder aufzufüllen.

 

Auch weite Teile Europas waren im Februar und März zu trocken

Ein Blick auf die Daten des vom DWD im Auftrag der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) betriebenen Weltzentrums für Niederschlagsklimatologie zeigt: Die Monate Februar und März 2025 waren nicht nur in Deutschland, sondern in einem breiten Streifen von den Britischen Inseln über Mitteleuropa bis in das östliche Europa hinein teils deutlich zu trocken. Das Zentrum des Niederschlagsdefizits erstreckte sich dabei von den Beneluxstaaten über Norddeutschland bis zur schwedischen Ostseeküste sowie ins Baltikum. Teilweise wurden in diesem Gebiet im Februar und März unter 20 Prozent des vieljährigen Niederschlagsmittels der Referenzperiode 1951-2000 erfasst. Im südlichen Europa war es im selben Zeitraum dagegen weitgehend zu nass. So wurden in der Südhälfte Spaniens und Portugals verbreitet mehr als 165 Prozent und regional auch über 200 Prozent der dort üblichen Niederschlagsmengen gemessen.