Zwischen Bilderbuchlandschaft und Besucherdruck
Türkisblaues Wasser, dahinter die ersten Gipfel der Alpen, traditionelle Bauernhäuser und grüne Wiesen: Die Seen südlich von München gehören zu den bekanntesten Landschaften Bayerns. Tegernsee, Schliersee und Spitzingsee stehen geradezu exemplarisch für das Bild, das viele Menschen mit einem Urlaub in Oberbayern verbinden.
Doch ihre Schönheit bringt eine Herausforderung mit sich.
Die Nähe zum Ballungsraum München macht die Region nicht nur für Urlaubsgäste attraktiv. An sonnigen Wochenenden kommen zahlreiche Tagesbesucher hinzu. Straßen, Parkplätze, Wanderwege und Seeufer geraten dann schnell an ihre Grenzen.
Gerade deshalb ist die Region für unsere Serie besonders interessant. Denn nachhaltiger Tourismus zeigt sich nicht nur dort, wo kaum Menschen unterwegs sind. Die schwierigere Aufgabe besteht darin, beliebte Destinationen so zu entwickeln, dass Natur, Lebensqualität der Bevölkerung und touristische Nutzung langfristig miteinander vereinbar bleiben.
Drei Seen – drei unterschiedliche Charaktere
Obwohl Tegernsee, Schliersee und Spitzingsee nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegen, unterscheiden sie sich deutlich.
Der Tegernsee ist international bekannt und touristisch stark entwickelt. Orte wie Tegernsee, Rottach-Egern oder Bad Wiessee bieten Hotels, Gastronomie, Kultur und zahlreiche Freizeitmöglichkeiten.
Der Schliersee wirkt vielerorts ruhiger und ursprünglicher. Das Seeufer, die umliegenden Berge und kleinere Ortschaften vermitteln einen stärker ländlich geprägten Charakter.
Noch einmal anders präsentiert sich der Spitzingsee. Auf rund 1.100 Metern Höhe liegt er eingebettet zwischen Bergen und Wäldern. Hier steht das alpine Naturerlebnis stärker im Mittelpunkt.
Gemeinsam bilden die drei Seen eine Region, in der sich unterschiedlichste Formen des Tourismus auf engem Raum beobachten lassen.
Anreise – der vielleicht wichtigste Nachhaltigkeitsfaktor
Die gute Bahnanbindung ist eine der größten Stärken der Region.
Von München aus sind Tegernsee und Schliersee mit der Bayerischen Regiobahn erreichbar. Auch für Wanderungen in Richtung Spitzingsee lässt sich die Bahn mit regionalen Busverbindungen kombinieren.
Damit besteht eine echte Alternative zum Auto.
Gerade bei beliebten Ausflugszielen ist das entscheidend. Denn ein erheblicher Teil der Umweltbelastung des Tourismus entsteht durch An- und Abreise.
Wer bereits in München in den Zug steigt, reduziert nicht nur Emissionen. Er entlastet auch Straßen, Ortszentren und Parkplätze.
Für eine Region, die an manchen Wochenenden mit erheblichem Verkehrsaufkommen konfrontiert ist, wird nachhaltige Mobilität damit zu einem zentralen Bestandteil ihrer touristischen Zukunft.
Tegernsee – Tourismus mit langer Tradition
Der Tegernsee gehört seit Generationen zu den bekanntesten Erholungsregionen Bayerns. Seine Nähe zu München, die Bergkulisse und die hohe Lebensqualität haben ihn zu einem begehrten Reiseziel gemacht.
Das bringt wirtschaftliche Vorteile, aber auch Konflikte.
Hohe Besucherzahlen treffen auf begrenzte Flächen. Verkehr, Zweitwohnsitze, steigende Immobilienpreise und intensive Freizeitnutzung können die Lebensqualität der einheimischen Bevölkerung beeinflussen.
Nachhaltigkeit bedeutet hier deshalb mehr als Naturschutz.
Es geht um die Frage, wie viel touristische Nutzung eine Region verträgt und wie die daraus entstehende Wertschöpfung tatsächlich vor Ort bleibt.
Kleine Hotels, traditionelle Gasthäuser, Handwerksbetriebe, Bauernhöfe und regionale Produzenten spielen dabei eine wichtige Rolle.
Wer bewusst bei ihnen einkauft, übernachtet und isst, trägt dazu bei, dass Tourismus nicht nur Besucher bringt, sondern regionale Strukturen stärkt.
Schliersee – Naturerlebnis zwischen Wasser und Bergen
Nur wenige Kilometer entfernt zeigt der Schliersee eine ruhigere Seite der Region.
Rund um den See lassen sich Wandern, Radfahren und Wassersport gut miteinander verbinden. Viele Aktivitäten benötigen kaum zusätzliche Infrastruktur.
Gerade das Wandern ist ein gutes Beispiel für nachhaltigen Tourismus: Die Landschaft selbst ist das Erlebnis.
Beliebte Ziele in der Umgebung sind die Schliersbergalm oder Wanderungen in Richtung Brecherspitz. Wer weniger bekannte Wege wählt und stark frequentierte Zeiten vermeidet, erlebt die Region deutlich ruhiger.
Auch hier gilt: Nachhaltiges Reisen beginnt oft nicht mit komplizierten Regeln, sondern mit einfachen Entscheidungen.
Nicht jeder muss am selben Samstag um dieselbe Uhrzeit zum selben Aussichtspunkt.
Spitzingsee – ein alpiner See unter besonderem Druck
Der Spitzingsee ist landschaftlich vielleicht der spektakulärste der drei Seen.
Umgeben von Bergen liegt er auf rund 1.100 Metern Höhe und dient als Ausgangspunkt für zahlreiche Wanderungen und Bergtouren. Im Winter kommen Wintersportler hinzu.
Gerade seine leichte Erreichbarkeit macht ihn jedoch anfällig für hohen Besucherdruck.
An schönen Wochenenden können Parkplätze und Zufahrtsstraßen stark belastet sein. Gleichzeitig handelt es sich um einen sensiblen alpinen Naturraum.
Die Lösung kann deshalb langfristig nicht darin bestehen, immer neue Parkmöglichkeiten zu schaffen.
Je attraktiver öffentliche Verkehrsmittel, Wanderbusse und kombinierte Mobilitätsangebote werden, desto besser lässt sich die Zahl der Autofahrten begrenzen.
Der Spitzingsee steht damit exemplarisch für viele Alpenregionen: Nicht die Erreichbarkeit muss reduziert werden – sondern die Abhängigkeit vom eigenen Auto.
Aktivitäten – langsam unterwegs
Die Seenregion bietet ideale Voraussetzungen für einen Urlaub, bei dem Bewegung und Naturerlebnis im Mittelpunkt stehen.
Wandern, Radfahren, Schwimmen, Stand-up-Paddling oder einfache Spaziergänge am Wasser benötigen vergleichsweise wenig Infrastruktur.
Besonders reizvoll ist die Kombination verschiedener Verkehrsmittel: mit der Bahn anreisen, zu Fuß weitergehen, mit dem Schiff einen Teil des Weges zurücklegen und anschließend wieder in den Zug steigen.
So entsteht eine Form des Reisens, bei der bereits der Weg Teil des Erlebnisses wird.
Im Winter gewinnen Schneeschuhwandern und Winterwandern an Bedeutung. Angesichts steigender Temperaturen und unsicherer Schneeverhältnisse könnten solche Angebote künftig noch wichtiger werden.
Übernachten – länger bleiben statt kurz konsumieren
Eine zentrale Frage für stark frequentierte Regionen lautet: Wie unterscheidet sich ein Urlaubsgast von einem Tagesbesucher?
Wer mehrere Tage bleibt, nutzt Unterkünfte, Gastronomie und regionale Angebote. Dadurch entsteht eine deutlich höhere lokale Wertschöpfung als bei einem kurzen Ausflug mit dem Auto.
Nachhaltige Tourismusentwicklung kann deshalb auch bedeuten, weniger auf maximale Besucherzahlen und stärker auf Aufenthaltsqualität zu setzen.
Familiengeführte Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen sind dafür besonders wichtig.
Wer zusätzlich regionale Produkte verwendet, Energie spart und Mitarbeiter aus der Region beschäftigt, verstärkt den positiven Effekt.
Aus „mehr Gästen“ wird dann eine andere Zielsetzung: mehr Wertschöpfung pro Gast bei geringerer Belastung der Region.
Kulinarik – die Landschaft auf dem Teller
Oberbayern besitzt eine starke landwirtschaftliche Tradition.
Milchviehhaltung, Almwirtschaft, Fischerei und kleine Lebensmittelproduzenten prägen die Region bis heute.
Auf den Speisekarten finden sich Käse und Milchprodukte, Fisch aus regionalen Gewässern, Wild, Fleisch aus heimischer Landwirtschaft sowie saisonales Gemüse.
Gerade in touristisch stark entwickelten Regionen ist die Herkunft der Lebensmittel entscheidend.
Ein Restaurant, das Produkte aus der Umgebung bezieht, schafft einen direkten wirtschaftlichen Zusammenhang zwischen Tourismus und Landwirtschaft.
Der Gast finanziert damit nicht nur eine Mahlzeit, sondern indirekt auch den Erhalt regionaler Betriebe und Kulturlandschaften.
Nachhaltigkeitsfaktor – nicht jeder Besucher ist gleich
Tegernsee, Schliersee und Spitzingsee machen einen wichtigen Punkt deutlich: Nachhaltigkeit lässt sich nicht allein an der Zahl der Gäste messen.
Entscheidend ist, wie Menschen reisen.
Ein Gast, der mit der Bahn anreist, mehrere Nächte bleibt, regionale Gastronomie nutzt und zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, hinterlässt einen anderen Fußabdruck als ein Tagesbesucher, der mit dem Auto anreist, wenige Stunden bleibt und anschließend wieder zurückfährt.
Für beliebte Destinationen könnte genau darin eine wichtige Zukunftsstrategie liegen.
Nicht möglichst viele Menschen an möglichst wenigen Orten konzentrieren, sondern Besucher besser verteilen, Aufenthalte verlängern und klimafreundliche Mobilität attraktiver machen.
Klimawandel – auch die Voralpen verändern sich
Der Klimawandel betrifft nicht nur Gletscherregionen.
Auch in den Bayerischen Voralpen verändern steigende Temperaturen Wälder, Wasserhaushalt und Wintersport.
Trockenperioden belasten Bäume, Starkregen kann Wege und Hänge beschädigen und schneearme Winter stellen klassische Wintersportangebote infrage.
Tourismusregionen müssen deshalb langfristiger denken.
Wandern, Radfahren, Gesundheit, Kulinarik und Naturerlebnisse funktionieren weitgehend unabhängig von künstlicher Beschneiung und könnten künftig noch stärker an Bedeutung gewinnen.
Nachhaltigkeit wird damit nicht nur zur ökologischen Aufgabe, sondern zur wirtschaftlichen Notwendigkeit.
Schönheit braucht ein gutes Management
Tegernsee, Schliersee und Spitzingsee gehören zu den schönsten Seenlandschaften Deutschlands. Gerade ihre Popularität macht sie aber zu einem interessanten Beispiel für die Zukunft des Tourismus.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur: Wie bekommen wir mehr Gäste?
Sie lautet zunehmend: Wie ermöglichen wir Menschen ein besonderes Erlebnis, ohne dabei genau jene Landschaft und Lebensqualität zu gefährden, wegen der sie gekommen sind?
Die Region besitzt dafür einen entscheidenden Vorteil: Sie ist bereits hervorragend mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar.
Wer mit der Bahn kommt, länger bleibt, regionale Betriebe unterstützt und die Landschaft zu Fuß oder mit dem Fahrrad entdeckt, erlebt nicht weniger.
Im Gegenteil.
Vielleicht beginnt nachhaltiges Reisen genau dort: nicht möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu sehen, sondern einem Ort wieder genügend Zeit zu geben.
Mehr Informationen: https://www.tegernsee-schliersee.de/
Nächste Folge: Rügen – Kreidefelsen, Buchenwälder und die Frage, wie nachhaltiger Tourismus an Deutschlands beliebtester Ferieninsel funktionieren kann.