Europa startet CO₂-Speicherung im großen Maßstab

Europa startet CO₂-Speicherung im großen Maßstab

Europa geht bei der Speicherung von Kohlendioxid einen neuen Schritt. In Dänemark wurde mit „Greensand Future“ die erste kommerzielle, vollständig integrierte Offshore-CO₂-Speicherkette der Europäischen Union eröffnet.

Das Prinzip: CO₂ wird abgeschieden, verflüssigt, zum Hafen von Esbjerg transportiert und anschließend mit einem eigens dafür vorgesehenen Schiff in die Nordsee gebracht. Dort wird es in ein ehemaliges Ölreservoir rund 1.800 Meter unter dem Meeresboden gepumpt und dauerhaft gespeichert.

Was lange vor allem in Pilotprojekten getestet wurde, soll damit erstmals innerhalb der EU im industriellen Maßstab betrieben werden.

 

Vom CO₂-Ausstoß zum Speicher unter der Nordsee

In der ersten Phase stammt das CO₂ vor allem aus dänischen Biomethan- und Biogasanlagen. Nach der Abscheidung wird es verflüssigt und per Lkw zum neuen CO₂-Terminal im Hafen von Esbjerg gebracht.

Von dort übernimmt ein spezielles Transportschiff. Ziel ist das ehemalige Ölfeld Nini West in der dänischen Nordsee. Über die bestehende Offshore-Infrastruktur gelangt das CO₂ schließlich tief unter den Meeresboden.

Der geologische Speicher wurde bereits während eines Pilotprojekts untersucht. Die technische Überprüfung des Speichers erfolgte unter anderem durch die unabhängige Prüfgesellschaft DNV.

 

Bis zu 400.000 Tonnen pro Jahr

In der ersten kommerziellen Phase kann Greensand bis zu rund 400.000 Tonnen CO₂ pro Jahr speichern. Das von der EU unterstützte Projekt sieht zunächst insgesamt rund 2,4 Millionen Tonnen innerhalb von acht Jahren vor.

Langfristig sind wesentlich größere Dimensionen geplant. Bei entsprechender Nachfrage und einem weiteren Ausbau der Infrastruktur könnte die Kapazität auf vier bis acht Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr steigen.

Die Europäische Union unterstützt Greensand Future mit 41 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds.

 

Warum CO₂ überhaupt speichern?

Carbon Capture and Storage – kurz CCS – soll vor allem dort eingesetzt werden, wo sich CO₂-Emissionen technisch nur schwer vollständig vermeiden lassen.

Dazu gehören beispielsweise Teile der Zement-, Kalk-, Chemie- und Stahlindustrie. Selbst bei erneuerbarer Energie entstehen bei manchen industriellen Prozessen weiterhin CO₂-Emissionen.

Die EU setzt deshalb neben erneuerbaren Energien, Energieeffizienz und Elektrifizierung zunehmend auch auf CO₂-Abscheidung und Speicherung. Bis 2030 sollen innerhalb der EU Kapazitäten zur Speicherung von mindestens 50 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr geschaffen werden.

 

CCS bleibt umstritten

Die Technologie ist allerdings kein Ersatz für die Vermeidung von Emissionen.

CO₂ muss zunächst abgeschieden, verflüssigt, transportiert und anschließend unter hohem Aufwand dauerhaft gespeichert werden. Dafür werden zusätzliche Energie, Infrastruktur und erhebliche Investitionen benötigt.

Kritiker befürchten zudem, dass ein zu starker Fokus auf CO₂-Speicherung die notwendige Umstellung auf emissionsärmere Produktionsverfahren verzögern könnte.

Befürworter sehen CCS dagegen als wichtigen Baustein für jene Industrieprozesse, bei denen sich Emissionen auf absehbare Zeit nicht vollständig vermeiden lassen.

 

Daten & Fakten

• Eröffnung von Greensand Future am 18. September 2026 in Dänemark

• erste kommerzielle, vollständig integrierte Offshore-CO₂-Speicherkette der EU

• Speicherung rund 1.800 Meter unter dem Meeresboden

• bis zu rund 400.000 Tonnen CO₂ Speicherkapazität pro Jahr in der ersten Phase

• rund 2,4 Millionen Tonnen geplante Speicherung innerhalb von acht Jahren

• langfristiges Potenzial von vier bis acht Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr

• 41 Millionen Euro Förderung aus dem EU-Innovationsfonds

• EU-Ziel: mindestens 50 Millionen Tonnen jährliche CO₂-Injektionskapazität bis 2030

 

Conclusio

Greensand ist ein bemerkenswerter Schritt: Aus einer über Jahre erprobten Technologie entsteht erstmals in der Europäischen Union eine kommerzielle Infrastruktur, die Abscheidung, Transport und dauerhafte Speicherung von CO₂ miteinander verbindet.

Ob CCS einen wesentlichen Beitrag zur europäischen Klimaneutralität leisten kann, wird allerdings davon abhängen, wie schnell die Technologie skaliert werden kann, welche Kosten dabei entstehen und wo sie tatsächlich eingesetzt wird.

Denn CO₂ gar nicht erst entstehen zu lassen, bleibt die wirksamste Lösung.

Für jene Emissionen, die sich technisch nur schwer vermeiden lassen, könnte tief unter der Nordsee jedoch ein Teil der Lösung liegen.

 

Mehr Informationen: https://greensandfuture.com/

Folge 23: Rügen – Kreidefelsen, alte Buchenwälder und nachhaltiger Urlaub an der Ostsee

Folge 23: Rügen – Kreidefelsen, alte Buchenwälder und nachhaltiger Urlaub an der Ostsee

Wo das Meer auf uralte Wälder trifft

Weiße Kreidefelsen über der Ostsee, mächtige Buchenwälder, kilometerlange Strände und stille Boddenlandschaften: Rügen gehört zu den bekanntesten Naturregionen Deutschlands. Die größte deutsche Insel ist gleichzeitig ein Ort voller Gegensätze. Auf der einen Seite stehen traditionsreiche Seebäder und beliebte Strände, auf der anderen Nationalparks, Feuchtgebiete und Küstenlandschaften, in denen die Natur noch immer den Rhythmus bestimmt.

Genau diese Mischung macht Rügen für nachhaltiges Reisen besonders interessant. Denn die entscheidende Frage lautet: Wie kann eine stark besuchte Ferienregion wirtschaftlich vom Tourismus profitieren, ohne jene Natur zu gefährden, die Menschen überhaupt erst auf die Insel bringt?

 

Der Nationalpark Jasmund – klein, aber außergewöhnlich

Im Nordosten Rügens liegt der Nationalpark Jasmund. Mit rund 3.000 Hektar gehört er zu den kleinsten Nationalparks Deutschlands, landschaftlich jedoch zu den eindrucksvollsten. Sein bekanntestes Wahrzeichen ist der Königsstuhl, eine mächtige Kreidefelsformation hoch über der Ostsee.

Der eigentliche ökologische Schatz beginnt direkt dahinter. Auf der Halbinsel Jasmund wachsen alte Buchenwälder, von denen Teile zum UNESCO-Weltnaturerbe „Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas“ gehören. Hier lässt sich beobachten, wie sich ein Wald entwickelt, wenn natürliche Prozesse wieder mehr Raum bekommen. Totholz bleibt liegen, Pilze und Insekten zersetzen es und schaffen damit die Grundlage für neues Leben.

Auch die berühmten Kreidefelsen sind keine unveränderliche Kulisse. Wind, Regen, Frost und die Brandung tragen ständig Material ab, immer wieder kommt es zu natürlichen Abbrüchen. Gerade diese Dynamik gehört zur Landschaft. Nachhaltiger Tourismus bedeutet deshalb auch, Absperrungen zu respektieren und zu akzeptieren, dass Natur nicht überall für den Menschen kontrolliert oder konserviert werden kann.

 

Anreise – Rügen ohne Auto entdecken

Viele Urlauber reisen mit dem Auto nach Rügen, was besonders in der Hauptsaison zu erheblichem Verkehrsaufkommen führt. Dabei besitzt die Insel gute Voraussetzungen für einen Urlaub mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Fern- und Regionalzüge fahren unter anderem nach Bergen auf Rügen und Binz. Von dort lässt sich die Reise mit Bus, Bahn oder Fahrrad fortsetzen. Eine Besonderheit ist der „Rasende Roland“, die historische Schmalspurbahn, die mehrere bekannte Ferienorte miteinander verbindet.

Wer seine Unterkunft entsprechend auswählt, kann große Teile des Urlaubs ohne eigenes Fahrzeug verbringen. Gerade auf einer Insel ist das sinnvoll: Der verfügbare Raum ist begrenzt und zusätzliche Straßen oder Parkplätze beanspruchen Flächen, die auch für Natur, Landwirtschaft oder die Bevölkerung wichtig sind.

 

Rügen langsam entdecken

Viele Menschen verbinden Rügen vor allem mit Strandurlaub. Doch die Insel eignet sich hervorragend zum Wandern und Radfahren. Besonders reizvoll sind Touren durch die Buchenwälder von Jasmund, entlang der Boddenlandschaften oder durch ruhigere Küstenabschnitte.

Auch bekannte Ziele wie das Kap Arkona lassen sich mit längeren Spaziergängen oder Radtouren verbinden. Wer sich etwas Zeit nimmt, entdeckt abseits der touristischen Zentren kleine Dörfer, Alleen, Felder, Feuchtgebiete und stille Küstenbereiche. Gerade dort zeigt Rügen einen Charakter, den man bei einer schnellen Rundfahrt kaum wahrnimmt.

Das Fahrrad ist dafür ideal. Die Entfernungen zwischen vielen Orten sind überschaubar, E-Bikes erweitern den Radius zusätzlich. Für eine stark besuchte Insel ist ein gutes Radwegenetz deshalb weit mehr als ein Freizeitangebot – es ist Teil einer nachhaltigen Mobilitätsstrategie.

 

Übernachten – Qualität statt immer neuer Betten

Rügen verfügt über eine lange touristische Tradition. Besonders Binz, Sellin und Göhren prägen mit ihrer historischen Bäderarchitektur das bekannte Bild der Insel. Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen bilden einen wichtigen Wirtschaftsfaktor, gleichzeitig stellt sich auch hier die Frage nach den Grenzen weiteren Wachstums.

Neue Unterkünfte benötigen Flächen, Energie, Wasser und Infrastruktur. Nachhaltiger Tourismus sollte deshalb stärker darauf setzen, bestehende Gebäude zu nutzen, energetisch zu sanieren und regionale Wirtschaftskreisläufe zu fördern. Familiengeführte Pensionen, kleinere Hotels und Ferienhöfe können dabei eine wichtige Rolle spielen.

Entscheidend ist nicht nur, wie viele Menschen auf der Insel übernachten, sondern wie viel ihrer Urlaubsausgaben tatsächlich in der Region bleibt.

 

Kulinarik – die Ostsee auf dem Teller

Die Lage am Meer prägt selbstverständlich auch die Küche. Fisch gehört traditionell zu Rügen, doch nachhaltiger Genuss verlangt heute einen genaueren Blick auf Herkunft, Fangmethoden und den Zustand der jeweiligen Bestände.

Daneben hat die Insel kulinarisch weit mehr zu bieten. Sanddorn wird zu Säften, Marmeladen und anderen Spezialitäten verarbeitet, landwirtschaftliche Betriebe produzieren Kartoffeln, Gemüse, Fleisch, Milchprodukte und Getreide. Hofläden und regionale Märkte ermöglichen es Gästen, direkt bei Produzenten einzukaufen.

Damit wird Essen zu einem Teil nachhaltigen Reisens: Kurze Wege reduzieren Transporte und gleichzeitig bleibt mehr Wertschöpfung bei den Menschen, die auf der Insel leben und arbeiten.

 

Die stillen Naturschätze Rügens

Während die Kreidefelsen auf fast jedem Reisefoto zu sehen sind, bleiben andere Lebensräume oft im Hintergrund. Boddengewässer, Schilfgürtel, Moore und Feuchtwiesen sind ökologisch mindestens ebenso wertvoll. Sie bieten zahlreichen Vogelarten Nahrung und Rückzugsräume und spielen während des Vogelzugs eine wichtige Rolle.

Besondere Bedeutung besitzen die Moorlandschaften. Intakte Moore können große Mengen Kohlenstoff speichern. Werden sie entwässert, kann dagegen über lange Zeit gebundener Kohlenstoff als Treibhausgas freigesetzt werden. Schutz und Wiedervernässung solcher Flächen verbinden deshalb auf sehr direkte Weise Arten- und Klimaschutz.

 

Nachhaltigkeitsfaktor – eine Insel hat natürliche Grenzen

Rügen zeigt besonders deutlich, warum touristischer Erfolg nicht ausschließlich anhand steigender Besucherzahlen gemessen werden sollte. Eine Insel verfügt über begrenzte Ressourcen. Verkehr, Trinkwasser, Abwasser, Energie, Wohnraum und verfügbare Flächen können nicht beliebig erweitert werden.

Gerade während der Hauptsaison wird sichtbar, wie schnell Popularität zur Belastung werden kann. Eine nachhaltige Strategie muss deshalb Besucher besser über das Jahr und über die Insel verteilen. Längere Aufenthalte, Reisen außerhalb der Hochsaison, öffentliche Verkehrsmittel und die stärkere Einbindung regionaler Betriebe können dazu beitragen.

Ein Urlaub im Frühling oder Herbst bietet dabei einen zusätzlichen Reiz. Im Frühjahr erwachen Wälder und Küstenlandschaften, im Herbst verändert sich das Laub der alten Buchenwälder und zahlreiche Zugvögel sind unterwegs. Gleichzeitig profitieren Hotels, Gastronomie und andere Betriebe von einer längeren Saison, anstatt ihre Einnahmen auf wenige Sommerwochen konzentrieren zu müssen.

 

Klimawandel an der Küste

Für eine Insel sind die Folgen des Klimawandels besonders relevant. Langfristig steigende Meeresspiegel, Sturmfluten und veränderte Niederschlagsmuster beeinflussen Küsten, Natur und Landwirtschaft.

Dabei waren Küsten allerdings schon immer dynamische Landschaften. Strände verändern sich, Steilküsten brechen ab und Strömungen verlagern Sedimente. Die Herausforderung besteht darin, zu entscheiden, wo Infrastruktur geschützt werden muss und wo natürliche Küstenentwicklung zugelassen werden kann.

Auch hier zeigt sich ein Grundprinzip nachhaltiger Entwicklung: Nicht jede Veränderung der Natur lässt sich verhindern. Langfristig kann Anpassung sinnvoller sein als der Versuch, Landschaften dauerhaft in einem bestimmten Zustand festzuhalten.

 

Eine Insel, die Zeit braucht

Rügen ist weit mehr als Kreidefelsen und Strandurlaub. Alte Buchenwälder, dynamische Küsten, Boddenlandschaften, Moore, traditionelle Seebäder und eine über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft machen die Insel außergewöhnlich vielfältig.

Gerade diese Vielfalt gilt es zu bewahren. Nachhaltig zu reisen bedeutet auf Rügen deshalb nicht, auf Erlebnisse zu verzichten. Es bedeutet, anders zu reisen: mit Bahn und Bus anzukommen, das Fahrrad zu nutzen, regionale Betriebe zu unterstützen, sensible Naturräume zu respektieren und vielleicht einen Tag länger zu bleiben.

So entsteht eine Form des Tourismus, bei der nicht möglichst viele Sehenswürdigkeiten in möglichst kurzer Zeit konsumiert werden. Stattdessen bekommt ein Ort wieder das, was im modernen Reisen oft fehlt: Zeit.

 

Mehr Informationen: https://www.ruegen.de/

 

Nächste Folge: Ausseerland Salzkammergut – Seen, Almen, gelebtes Brauchtum und die Frage, warum der Erhalt regionaler Kultur ebenfalls Teil nachhaltigen Reisens ist.

Der Garten darf unordentlich werden: Warum Tiere jetzt Laub und wilde Ecken brauchen

Der Garten darf unordentlich werden: Warum Tiere jetzt Laub und wilde Ecken brauchen

Die ersten Blätter fallen, die Sommerblumen verblühen, und im Garten beginnt die Zeit des Aufräumens. Doch wer jetzt jedes Blatt entfernt und alle Stauden zurückschneidet, beseitigt auch wertvolle Rückzugsorte. Ein wenig herbstliche Unordnung hilft Tieren durch die kalte Jahreszeit – und erspart uns einiges an Arbeit.

Der Rechen steht bereit, die Gartenschere liegt griffbereit. Noch einmal alles ordentlich machen, bevor der Winter kommt: Für viele gehört das zum Herbst wie die letzten Tomaten und die kühleren Abende.

Dabei lohnt es sich, vor dem Abschneiden und Wegräumen genauer hinzusehen. Was für uns verblüht oder liegen geblieben aussieht, kann für andere Lebewesen Nahrung, Schutz oder ein Winterquartier sein. Ein Garten lebt auch dann weiter, wenn seine bunten Blüten verschwunden sind.

 

Gefallene Blätter haben noch eine Aufgabe

Unter Hecken, Sträuchern und Bäumen darf Herbstlaub liegen bleiben. Es bedeckt den Boden, schützt ihn vor Austrocknung und mildert Temperaturextreme. Nach und nach wird es zersetzt; dabei gelangen Nährstoffe zurück in den natürlichen Kreislauf.

Zwischen den Blättern finden zahlreiche kleine Tiere Unterschlupf. Was dort krabbelt und lebt, dient wiederum Vögeln und anderen Gartenbewohnern als Nahrung. Wer das gesamte Laub entsorgt, entfernt damit auch einen Teil dieses Lebensraums.

Auf geeigneten Beeten kann eine lockere Laubschicht ebenfalls als Bodenschutz dienen. Der BUND Naturschutz empfiehlt dafür eine etwa drei bis fünf Zentimeter starke Mulchschicht. BUND Naturschutz: Gartenpflege im Herbst

 

Eine ruhige Ecke für den Igel

Besonders wertvoll ist ein geschützter Platz, an dem Laub, Zweige und etwas Totholz zusammenkommen. Unter einer Hecke oder in einer wenig genutzten Gartenecke kann daraus ein möglicher Unterschlupf für Igel entstehen.

Dafür braucht es keine aufwendige Gartengestaltung. Material, das beim herbstlichen Arbeiten ohnehin anfällt, lässt sich an einer passenden Stelle aufschichten. Entscheidend ist, dass dieser Rückzugsort anschließend bestehen bleiben darf.

Hat sich ein Tier eingerichtet, sollte der Haufen über den Winter ungestört bleiben. Auch wenn zwischendurch ein milder Tag zum Weiterarbeiten einlädt: Ein Winterquartier ist kein Gartenabfall, der bei nächster Gelegenheit doch noch weggeräumt werden sollte. Gerade die Kombination aus Holz, Reisig und Laub dient als geeigneter Schutz für überwinternde Igel.

 

Verblühte Stauden dürfen bleiben

Auch bei der Gartenschere lohnt sich Zurückhaltung. Trockene Stängel und Samenstände erfüllen weiterhin wichtige Aufgaben: Vögel können sich an verbliebenen Samen bedienen, während manche Insekten in oder an Pflanzenstängeln überwintern.

Wer geeignete abgeblühte Stauden bis ins Frühjahr stehen lässt, erhält diese Strukturen. Besonders Pflanzen mit Samenständen und hohlen Halmen sollten deshalb beim herbstlichen Aufräumen nicht automatisch abgeschnitten werden.

Und auch für das Auge bleibt etwas: Gräser im Gegenlicht, dunkle Samenstände und später vielleicht Raureif auf trockenen Blüten. Der Garten verändert sein Aussehen. Er muss im Winter nicht leer sein.

 

Wo Aufräumen weiterhin sinnvoll ist

Natürlich muss nicht jeder Weg unter Blättern verschwinden. Auf Treppen und häufig begangenen Flächen sollte nasses Laub entfernt werden, damit niemand ausrutscht. Auch auf dem Rasen ist eine dicke, dauerhaft feuchte Laubdecke ungünstig.

Das zusammengerechte Material kann anschließend unter Sträuchern oder in einer geschützten Ecke weiterverwendet werden. Für kleinere Gartenflächen reichen Rechen und Besen meist gut aus. Laubsauger können dagegen mit den Blättern auch kleine Tiere aufnehmen und verletzen.

So können gepflegte Wege und wilde Bereiche problemlos nebeneinander bestehen. Schon ein bewusst ausgesparter Rand verändert, wie viel Raum der Garten seinen tierischen Bewohnern lässt.

 

Diesen Herbst darf etwas liegen bleiben

Vielleicht beginnt die Veränderung mit einer einzigen Ecke: unter der Hecke, hinter dem Hochbeet oder entlang des Zauns. Dort bleiben die Blätter liegen. Daneben dürfen ein paar Stauden ihre Samen behalten.

Das kostet wenig und verlangt vor allem, einen vertrauten Handgriff gelegentlich auszulassen. Bevor wir im Herbst alles winterfest machen, können wir uns fragen: Wer könnte genau das brauchen, was ich gerade wegräumen möchte?

Schluss mit grünen Versprechen ohne Beleg: Neue Regeln gegen Greenwashing

Schluss mit grünen Versprechen ohne Beleg: Neue Regeln gegen Greenwashing

Begriffe wie „klimaneutral“, „umweltfreundlich“ oder „nachhaltig“ sind längst zu wichtigen Verkaufsargumenten geworden. Doch nicht immer ist erkennbar, was tatsächlich hinter solchen Aussagen steckt. Neue Regeln sollen das ändern und dafür sorgen, dass Umweltwerbung künftig verständlicher, überprüfbarer und glaubwürdiger wird.

Ab 27. September 2026 gelten in Österreich strengere Vorgaben für Umwelt- und Nachhaltigkeitsaussagen. Grundlage ist die europäische EmpCo-Richtlinie, die Konsumentinnen und Konsumenten besser vor irreführenden Geschäftspraktiken schützen soll.

 

Allgemeine Begriffe reichen nicht mehr

Pauschale Aussagen wie „grün“, „ökologisch“ oder „umweltfreundlich“ dürfen künftig nicht mehr ohne nachvollziehbare Grundlage verwendet werden. Unternehmen müssen deutlich machen können, worauf sich ihre Aussage bezieht und wodurch sie belegt wird.

Ein Produkt darf beispielsweise nicht allein deshalb als umweltfreundlich beworben werden, weil ein einzelner Bestandteil nachhaltiger hergestellt wurde. Entscheidend ist, welchen Eindruck die gesamte Darstellung bei den Konsumenten erzeugt.

Auch Angaben wie „klimaneutral“ geraten stärker unter Druck. Besonders kritisch sind Aussagen, die sich ausschließlich auf den Kauf von CO₂-Zertifikaten oder andere Kompensationsmaßnahmen stützen. Der Eindruck, ein Produkt selbst verursache keine oder weniger Emissionen, kann dadurch irreführend sein.

 

Mehr Klarheit bei Nachhaltigkeitssiegeln

Auch die Zahl grüner Siegel und Umweltzeichen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Viele davon sehen offiziell aus, beruhen aber auf selbst entwickelten Kriterien oder sind für Konsumenten kaum überprüfbar.

Künftig dürfen Nachhaltigkeitssiegel grundsätzlich nur noch verwendet werden, wenn sie auf einem anerkannten Zertifizierungssystem beruhen oder von einer staatlichen Stelle eingeführt wurden. Das soll glaubwürdige Kennzeichnungen stärken und frei erfundene Labels zurückdrängen.

Versprechen für die Zukunft müssen überprüfbar sein

Viele Unternehmen werben mit langfristigen Zielen wie „klimaneutral bis 2040“ oder „Netto-Null bis 2050“. Solche Ankündigungen sind grundsätzlich weiterhin möglich. Sie müssen jedoch auf einem nachvollziehbaren und öffentlich zugänglichen Plan beruhen.

Dazu gehören konkrete Maßnahmen, messbare Zwischenziele und eine unabhängige Überprüfung der Fortschritte. Reine Absichtserklärungen ohne belastbaren Weg zur Umsetzung sollen nicht länger als Nachhaltigkeitsleistung verkauft werden können.

 

Eine Chance für glaubwürdige Unternehmen

Die neuen Regeln bedeuten nicht, dass Unternehmen nicht mehr über ihre Umweltleistungen sprechen dürfen. Im Gegenteil: Wer Energie spart, Emissionen reduziert, Produkte reparierbarer macht oder Materialien im Kreislauf führt, kann diese Leistungen weiterhin kommunizieren.

Der Unterschied liegt künftig stärker in der Belegbarkeit. Unternehmen, die bereits transparent arbeiten und ihre Fortschritte dokumentieren, erhalten dadurch einen Vorteil gegenüber jenen, die Nachhaltigkeit vor allem als Werbesprache nutzen.

Auch für Konsumenten wird es leichter, Produkte und Unternehmen miteinander zu vergleichen. Umweltversprechen sollen weniger von ansprechenden Farben, Bildern und Schlagworten abhängen – und stärker von nachvollziehbaren Fakten.

 

Nachhaltigkeit braucht Glaubwürdigkeit

Greenwashing schadet nicht nur Konsumenten. Es schwächt auch jene Unternehmen, die tatsächlich in Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Produktion investieren. Wenn nahezu jedes Produkt als „grün“ bezeichnet werden kann, verliert der Begriff seinen Wert.

Die neuen Vorgaben können deshalb zu mehr Fairness führen. Sie schaffen noch keine nachhaltige Wirtschaft, aber sie verändern die Regeln ihrer Kommunikation.

Wer glaubwürdig nachhaltig handelt, muss strengere Anforderungen nicht fürchten. Im Gegenteil: Wenn grüne Versprechen überprüfbar werden, bekommen echte Fortschritte wieder mehr Gewicht.

Wie Europas Städte ihre Straßen zurückgewinnen – Mobilität für lebenswerte Stadträume

Wie Europas Städte ihre Straßen zurückgewinnen – Mobilität für lebenswerte Stadträume

Straßen sind mehr als Verkehrswege. Sie sind Schulwege, Einkaufsorte, Treffpunkte und ein großer Teil unseres öffentlichen Raums. Dennoch wurden sie jahrzehntelang vor allem für fahrende und parkende Autos gestaltet. In europäischen Städten verändert sich dieser Blick: Wo früher Stellplätze und Durchzugsverkehr dominierten, entstehen Grünflächen, sichere Wege und Orte zum Verweilen.

Die Europäische Mobilitätswoche vom 16. bis 22. September rückt diese Entwicklung in den Mittelpunkt. Unter dem Motto „Mobilität für alle“ geht es 2026 auch um die Frage, wie öffentliche Räume für unterschiedliche Generationen zugänglich und nutzbar werden.

 

Paris: Aus Straßen sollen grüne Räume werden

In Paris wird der Umbau besonders sichtbar. Die Stadt setzt seit Jahren auf Radwege, verkehrsberuhigte Schulumgebungen und mehr Grün im Straßenraum.

Bei einer Bürgerbefragung im März 2025 stimmten rund 66 Prozent der Teilnehmenden dafür, weitere 500 Straßen zu begrünen und für den Fußverkehr umzugestalten. Das ist ein Ausbauziel, keine bereits abgeschlossene Maßnahme. Die geringe Beteiligung zeigt zudem, dass Zustimmung bei einer Befragung nicht automatisch einen breiten gesellschaftlichen Konsens bedeutet.

Die Richtung ist dennoch klar: Weniger versiegelte Flächen und mehr Bäume sollen nicht nur das Stadtbild verändern. Sie können Schatten schaffen, Regenwasser aufnehmen und die sommerliche Hitze lokal abmildern.

 

Barcelona: Nachbarschaften statt Durchfahrtsräume

Barcelona verfolgt mit seinen „Superblocks“ und grünen Straßenachsen einen ähnlichen Ansatz. Der Durchzugsverkehr wird eingeschränkt, während die Erreichbarkeit für Anwohner, Lieferungen und notwendige Fahrten erhalten bleiben soll.

Im dicht bebauten Stadtteil Eixample wurden Abschnitte von vier Straßen, darunter die Consell de Cent, zu grünen Achsen umgebaut. Neue Plätze, Bäume und Sitzgelegenheiten verändern dort die Nutzung des Straßenraums: Menschen können sich begegnen, Kinder bekommen mehr Platz und Wege zu Fuß werden angenehmer.

Dabei geht es nicht darum, jede Straße vollständig autofrei zu machen. Entscheidend ist, welcher Verkehr tatsächlich notwendig ist – und welcher eine Nachbarschaft lediglich als Abkürzung nutzt.

 

Gent: Durchzugsverkehr wird umgeleitet

Die belgische Stadt Gent zeigt, dass auch eine veränderte Verkehrsführung viel bewirken kann. Seit 2017 teilt ein Verkehrsplan das Zentrum in mehrere Bereiche. Wer mit dem Auto zwischen diesen Bereichen wechseln möchte, wird grundsätzlich über den Ring geführt, statt quer durch die Innenstadt zu fahren.

Das Zentrum bleibt erreichbar. Gleichzeitig wird die Nutzung als Durchfahrtsroute erschwert. Für Wege zu Fuß und mit dem Fahrrad bleiben direkte Verbindungen bestehen.

Das Prinzip dahinter ist einfach: Eine Stadt kann notwendige Autofahrten ermöglichen, ohne sämtliche Straßen dem Durchzugsverkehr zu überlassen.

 

Weniger Verkehr braucht gute Alternativen

Solche Veränderungen sind kein Selbstläufer. Werden Autos nur in benachbarte Straßen verdrängt, verlagert sich die Belastung. Fehlen verlässliche Bus- und Bahnverbindungen oder sichere Radwege, wird der Alltag für viele Menschen schwieriger.

Auch Lieferverkehr, Pflegekräfte, Menschen mit eingeschränkter Mobilität und Pendler müssen mitgedacht werden. Für lokale Geschäfte zählt nicht allein die Zahl der Parkplätze, sondern ob Kunden sie gut erreichen können. Ob ein Umbau den Handel stärkt, muss vor Ort geprüft werden – pauschale Erfolgsversprechen helfen ebenso wenig wie pauschale Ablehnung.

 

Daten & Fakten

Verkehrsstaus in und um städtische Gebiete kosten die EU laut Schätzungen von EIT Urban Mobility rund 270 Milliarden Euro jährlich. Mehr als 75 Prozent der EU-Bevölkerung leben in Städten und deren Umgebung; etwa 23 Prozent der verkehrsbedingten Treibhausgasemissionen entfallen auf den städtischen Verkehr. Wie groß das Veränderungspotenzial ist, zeigen konkrete Beispiele: In Gent bestand vor Einführung des Verkehrsplans fast 40 Prozent des motorisierten Verkehrs im Zentrum aus Durchzugsverkehr. In Barcelona entstanden beim Umbau von vier grünen Straßenachsen im Eixample rund 58.000 Quadratmeter zusätzliche Fußgängerflächen. Der Anteil wasserdurchlässiger Flächen stieg im Projektgebiet von etwa einem auf 15 Prozent. Paris plant die Begrünung und Umgestaltung weiterer 500 Straßen und die Entfernung von rund 10.000 Parkplätzen. Die Zahlen stammen aus unterschiedlichen Erhebungsjahren und beschreiben sowohl bereits umgesetzte Veränderungen als auch geplante Maßnahmen.

 

Eine andere Nutzung des begrenzten Raums

Die Beispiele zeigen unterschiedliche Wege, aber denselben Grundgedanken: Straßen können mehr leisten, als Verkehr aufzunehmen.

Wo weniger Fläche für Autos benötigt wird, entstehen Möglichkeiten für Grün, Begegnung und Bewegung. Das kann Städte leiser, sicherer und widerstandsfähiger gegen Hitze machen. Voraussetzung sind durchdachte Planung, brauchbare Alternativen und die Bereitschaft, Probleme nach der Umsetzung zu korrigieren.

Eine lebenswerte Stadt entsteht nicht allein durch sauberere Autos. Sie entsteht auch dadurch, dass ihr begrenzter Raum mehr Menschen zugutekommt.

 

Mehr informationen: Europäische Mobilitätswoche

Vom Gefängnis zum Naturparadies: Wie eine griechische Insel zum Schutzgebiet wurde

Vom Gefängnis zum Naturparadies: Wie eine griechische Insel zum Schutzgebiet wurde

Mitten in der Ägäis liegt eine Insel, die über Jahrzehnte für Gefangenschaft, Verbannung und militärische Nutzung stand. Heute ist Gyaros einer der wertvollsten Rückzugsorte für bedrohte Tierarten im Mittelmeer.

Die Geschichte der unbewohnten Insel zeigt, wie schnell sich die Bedeutung eines Ortes verändern kann – und was möglich ist, wenn Natur dauerhaft geschützt wird.

 

Ein dunkles Kapitel der Geschichte

Gyaros gehört zu den Kykladen und liegt rund neun Seemeilen vor der Insel Syros. Nach dem griechischen Bürgerkrieg wurden Tausende politische Gefangene und Regimegegner auf die karge Insel verbannt. Später diente das Gebiet auch als militärischer Übungsplatz.

Für Menschen wurde Gyaros damit zu einem Symbol für Unterdrückung und Isolation. Für die Natur hatte die jahrzehntelange Abgeschiedenheit jedoch einen unerwarteten Effekt: Küsten, Buchten und Meereslebensräume blieben weitgehend von Bebauung, Tourismus und intensiver Nutzung verschont.

 

Ein Rückzugsort für bedrohte Arten

Heute leben rund um Gyaros etwa 70 Mittelmeer-Mönchsrobben. Damit beherbergt die Insel eine der wichtigsten Populationen dieser seltenen Meeressäuger. Die abgelegenen Höhlen und ungestörten Küsten bieten den Tieren Schutz und geeignete Plätze für die Geburt und Aufzucht ihrer Jungen.

Auch für Seevögel ist die Insel von großer Bedeutung. Auf Gyaros befindet sich eine der größten Kolonien des Mittelmeer-Sturmtauchers. Mehr als 30 Vogelarten wurden auf und rund um die Insel dokumentiert. Unter Wasser prägen Seegraswiesen, Korallenformationen und felsige Lebensräume das Ökosystem.

Das Zusammenspiel dieser Lebensräume macht Gyaros zu einem außergewöhnlichen Zentrum der Artenvielfalt in der Ägäis.

 

Schutz wird dauerhaft verankert

Nach jahrelanger Zusammenarbeit zwischen Behörden, Wissenschaft, Naturschutzorganisationen und lokalen Fischern wurde das Gebiet 2019 als Meeresschutzgebiet ausgewiesen. Im April 2026 erhielt Gyaros durch ein Präsidialdekret schließlich einen dauerhaften rechtlichen Schutz.

Die Schutzzonen legen fest, welche Bereiche vollständig unberührt bleiben und wo eine eingeschränkte Nutzung möglich ist. Besonders sensible Lebensräume werden vor Fischerei, unkontrolliertem Tourismus und anderen Eingriffen geschützt. Moderne Überwachung und die Präsenz von Naturschutzwächtern sollen dafür sorgen, dass die Regeln nicht nur auf dem Papier bestehen.

 

Naturschutz mit den Menschen vor Ort

Ein entscheidender Teil des Projekts ist die Zusammenarbeit mit den umliegenden Inselgemeinden und der lokalen Fischerei. Denn dauerhafter Meeresschutz funktioniert nur, wenn ökologische Ziele und regionale Interessen miteinander verbunden werden.

Gesunde Meereslebensräume können langfristig auch die Fischbestände außerhalb der streng geschützten Zonen stärken. Schutzgebiete sind daher nicht zwangsläufig ein Gegensatz zur wirtschaftlichen Nutzung – richtig umgesetzt können sie ihre natürliche Grundlage sichern.

 

Natur kann zurückkehren

Gyaros ist keine unberührte Insel ohne Geschichte. Der Ort wurde von Menschen geprägt, missbraucht und anschließend weitgehend verlassen. Gerade daraus ist ein besonderer Lebensraum entstanden, der heute konsequent bewahrt wird.

Die Insel zeigt, dass Naturschutz nicht nur bedeutet, weitere Verluste zu verhindern. Wo Lebensräume ausreichend Platz, Zeit und verlässlichen Schutz erhalten, kann sich Natur stabilisieren und Arten können zurückkehren.

Aus einem Ort der Verbannung wurde so ein Zufluchtsort für bedrohtes Leben – und ein Beispiel dafür, wie aus einer schwierigen Vergangenheit eine bessere Zukunft für die Natur entstehen kann.

 

Mehr Informationen: https://www.wwf.gr/en

Europas Luft unter Druck: Hitze gefährden Fortschritte

Europas Luft unter Druck: Hitze gefährden Fortschritte

Europas Luft ist in den vergangenen Jahrzehnten vielerorts sauberer geworden. Strengere Grenzwerte, modernere Industrieanlagen und weniger Schadstoffe aus Verkehr und Energieerzeugung haben die Belastung reduziert. Doch diese Fortschritte geraten zunehmend unter Druck. Hitzewellen, Trockenheit und großflächige Brände schaffen neue Risiken, die sich nicht an Landesgrenzen halten.

Die Weltwetterorganisation warnt davor, dass Klimawandel und Luftqualität eng miteinander verbunden sind. Extreme Hitze verschärft nicht nur bestehende Belastungen, sondern kann selbst zur Entstehung gesundheitsschädlicher Schadstoffe beitragen.

 

Wenn Hitze zum Luftproblem wird

An heißen und sonnigen Tagen steigt häufig die Konzentration von bodennahem Ozon. Anders als die schützende Ozonschicht in großer Höhe reizt dieses Gas in Bodennähe die Atemwege. Es kann Husten, Entzündungen und Atembeschwerden verursachen sowie bestehende Herz- und Lungenerkrankungen verschärfen.

Besonders betroffen sind Kinder, ältere Menschen, Schwangere sowie Personen mit Asthma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch Menschen, die im Freien arbeiten oder Sport treiben, sind einer höheren Belastung ausgesetzt.

Je länger eine Hitzewelle dauert, desto größer kann das Problem werden. Hohe Temperaturen, intensive Sonneneinstrahlung und geringe Luftbewegung begünstigen die Ansammlung von Schadstoffen – vor allem in Städten und dicht besiedelten Regionen.

 

Rauch kennt keine Grenzen

Zusätzlich belasten große Vegetations- und Waldbrände die Atmosphäre. Dabei entstehen enorme Mengen an Rauch, Ruß und besonders feinen Partikeln. Der gesundheitlich problematische Feinstaub PM2,5 ist so klein, dass er tief in die Lunge und teilweise sogar in den Blutkreislauf gelangen kann.

Die Gefahr beschränkt sich nicht auf die unmittelbare Umgebung eines Brandes. Luftströmungen können Rauch über Hunderte oder sogar Tausende Kilometer transportieren. Dadurch kann sich die Luftqualität auch in Regionen verschlechtern, in denen selbst kein Feuer brennt.

Messstationen und Satelliten beobachten deshalb nicht nur die Brandflächen, sondern auch die Ausbreitung der Rauchwolken über Länder und Kontinente hinweg.

 

Fortschritte können wieder verloren gehen

Europa hat erhebliche Anstrengungen unternommen, um klassische Luftschadstoffe aus Verkehr, Industrie und Heizungen zu reduzieren. Diese Maßnahmen bleiben unverzichtbar. Gleichzeitig zeigt sich jedoch, dass technische Verbesserungen allein nicht ausreichen.

Wenn extreme Hitze häufiger auftritt, Trockenperioden länger dauern und das Brandrisiko steigt, entstehen zusätzliche Belastungsspitzen. Damit drohen bereits erreichte Verbesserungen zumindest zeitweise wieder verloren zu gehen.

 

Luftqualität und Klimaschutz gehören zusammen

Saubere Luft kann deshalb nicht unabhängig vom Klimawandel betrachtet werden. Weniger fossile Brennstoffe senken nicht nur den Ausstoß von Treibhausgasen, sondern reduzieren gleichzeitig viele gesundheitsschädliche Luftschadstoffe.

Auch klimaresiliente Wälder, ein besserer Umgang mit Wasser, mehr Grünflächen in Städten und wirksame Frühwarnsysteme werden wichtiger. Sie können Hitze abmildern, das Brandrisiko reduzieren und die Bevölkerung rechtzeitig vor hoher Belastung warnen.

Die Luft Europas ist vielerorts sauberer geworden. Doch der Klimawandel verändert die Bedingungen. Aus einzelnen heißen Tagen werden längere Hitzeperioden, aus regionalen Bränden können grenzüberschreitende Belastungen entstehen.

Ein Waldbrand endet nicht an der Brandgrenze. Seine Folgen liegen oft noch weit entfernt in der Luft.

Grundlage: Aktuelle Erkenntnisse der Weltwetterorganisation zur Wechselwirkung zwischen Klimawandel und Luftqualität.

Folge 22: Tegernsee, Schliersee & Spitzingsee – Wenn Schönheit zur Herausforderung wird

Folge 22: Tegernsee, Schliersee & Spitzingsee – Wenn Schönheit zur Herausforderung wird

Zwischen Bilderbuchlandschaft und Besucherdruck

Türkisblaues Wasser, dahinter die ersten Gipfel der Alpen, traditionelle Bauernhäuser und grüne Wiesen: Die Seen südlich von München gehören zu den bekanntesten Landschaften Bayerns. Tegernsee, Schliersee und Spitzingsee stehen geradezu exemplarisch für das Bild, das viele Menschen mit einem Urlaub in Oberbayern verbinden.

Doch ihre Schönheit bringt eine Herausforderung mit sich.

Die Nähe zum Ballungsraum München macht die Region nicht nur für Urlaubsgäste attraktiv. An sonnigen Wochenenden kommen zahlreiche Tagesbesucher hinzu. Straßen, Parkplätze, Wanderwege und Seeufer geraten dann schnell an ihre Grenzen.

Gerade deshalb ist die Region für unsere Serie besonders interessant. Denn nachhaltiger Tourismus zeigt sich nicht nur dort, wo kaum Menschen unterwegs sind. Die schwierigere Aufgabe besteht darin, beliebte Destinationen so zu entwickeln, dass Natur, Lebensqualität der Bevölkerung und touristische Nutzung langfristig miteinander vereinbar bleiben.

 

Drei Seen – drei unterschiedliche Charaktere

Obwohl Tegernsee, Schliersee und Spitzingsee nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegen, unterscheiden sie sich deutlich.

Der Tegernsee ist international bekannt und touristisch stark entwickelt. Orte wie Tegernsee, Rottach-Egern oder Bad Wiessee bieten Hotels, Gastronomie, Kultur und zahlreiche Freizeitmöglichkeiten.

Der Schliersee wirkt vielerorts ruhiger und ursprünglicher. Das Seeufer, die umliegenden Berge und kleinere Ortschaften vermitteln einen stärker ländlich geprägten Charakter.

Noch einmal anders präsentiert sich der Spitzingsee. Auf rund 1.100 Metern Höhe liegt er eingebettet zwischen Bergen und Wäldern. Hier steht das alpine Naturerlebnis stärker im Mittelpunkt.

Gemeinsam bilden die drei Seen eine Region, in der sich unterschiedlichste Formen des Tourismus auf engem Raum beobachten lassen.

 

Anreise – der vielleicht wichtigste Nachhaltigkeitsfaktor

Die gute Bahnanbindung ist eine der größten Stärken der Region.

Von München aus sind Tegernsee und Schliersee mit der Bayerischen Regiobahn erreichbar. Auch für Wanderungen in Richtung Spitzingsee lässt sich die Bahn mit regionalen Busverbindungen kombinieren.

Damit besteht eine echte Alternative zum Auto.

Gerade bei beliebten Ausflugszielen ist das entscheidend. Denn ein erheblicher Teil der Umweltbelastung des Tourismus entsteht durch An- und Abreise.

Wer bereits in München in den Zug steigt, reduziert nicht nur Emissionen. Er entlastet auch Straßen, Ortszentren und Parkplätze.

Für eine Region, die an manchen Wochenenden mit erheblichem Verkehrsaufkommen konfrontiert ist, wird nachhaltige Mobilität damit zu einem zentralen Bestandteil ihrer touristischen Zukunft.

 

Tegernsee – Tourismus mit langer Tradition

Der Tegernsee gehört seit Generationen zu den bekanntesten Erholungsregionen Bayerns. Seine Nähe zu München, die Bergkulisse und die hohe Lebensqualität haben ihn zu einem begehrten Reiseziel gemacht.

Das bringt wirtschaftliche Vorteile, aber auch Konflikte.

Hohe Besucherzahlen treffen auf begrenzte Flächen. Verkehr, Zweitwohnsitze, steigende Immobilienpreise und intensive Freizeitnutzung können die Lebensqualität der einheimischen Bevölkerung beeinflussen.

Nachhaltigkeit bedeutet hier deshalb mehr als Naturschutz.

Es geht um die Frage, wie viel touristische Nutzung eine Region verträgt und wie die daraus entstehende Wertschöpfung tatsächlich vor Ort bleibt.

Kleine Hotels, traditionelle Gasthäuser, Handwerksbetriebe, Bauernhöfe und regionale Produzenten spielen dabei eine wichtige Rolle.

Wer bewusst bei ihnen einkauft, übernachtet und isst, trägt dazu bei, dass Tourismus nicht nur Besucher bringt, sondern regionale Strukturen stärkt.

 

Schliersee – Naturerlebnis zwischen Wasser und Bergen

Nur wenige Kilometer entfernt zeigt der Schliersee eine ruhigere Seite der Region.

Rund um den See lassen sich Wandern, Radfahren und Wassersport gut miteinander verbinden. Viele Aktivitäten benötigen kaum zusätzliche Infrastruktur.

Gerade das Wandern ist ein gutes Beispiel für nachhaltigen Tourismus: Die Landschaft selbst ist das Erlebnis.

Beliebte Ziele in der Umgebung sind die Schliersbergalm oder Wanderungen in Richtung Brecherspitz. Wer weniger bekannte Wege wählt und stark frequentierte Zeiten vermeidet, erlebt die Region deutlich ruhiger.

Auch hier gilt: Nachhaltiges Reisen beginnt oft nicht mit komplizierten Regeln, sondern mit einfachen Entscheidungen.

Nicht jeder muss am selben Samstag um dieselbe Uhrzeit zum selben Aussichtspunkt.

 

Spitzingsee – ein alpiner See unter besonderem Druck

Der Spitzingsee ist landschaftlich vielleicht der spektakulärste der drei Seen.

Umgeben von Bergen liegt er auf rund 1.100 Metern Höhe und dient als Ausgangspunkt für zahlreiche Wanderungen und Bergtouren. Im Winter kommen Wintersportler hinzu.

Gerade seine leichte Erreichbarkeit macht ihn jedoch anfällig für hohen Besucherdruck.

An schönen Wochenenden können Parkplätze und Zufahrtsstraßen stark belastet sein. Gleichzeitig handelt es sich um einen sensiblen alpinen Naturraum.

Die Lösung kann deshalb langfristig nicht darin bestehen, immer neue Parkmöglichkeiten zu schaffen.

Je attraktiver öffentliche Verkehrsmittel, Wanderbusse und kombinierte Mobilitätsangebote werden, desto besser lässt sich die Zahl der Autofahrten begrenzen.

Der Spitzingsee steht damit exemplarisch für viele Alpenregionen: Nicht die Erreichbarkeit muss reduziert werden – sondern die Abhängigkeit vom eigenen Auto.

 

Aktivitäten – langsam unterwegs

Die Seenregion bietet ideale Voraussetzungen für einen Urlaub, bei dem Bewegung und Naturerlebnis im Mittelpunkt stehen.

Wandern, Radfahren, Schwimmen, Stand-up-Paddling oder einfache Spaziergänge am Wasser benötigen vergleichsweise wenig Infrastruktur.

Besonders reizvoll ist die Kombination verschiedener Verkehrsmittel: mit der Bahn anreisen, zu Fuß weitergehen, mit dem Schiff einen Teil des Weges zurücklegen und anschließend wieder in den Zug steigen.

So entsteht eine Form des Reisens, bei der bereits der Weg Teil des Erlebnisses wird.

Im Winter gewinnen Schneeschuhwandern und Winterwandern an Bedeutung. Angesichts steigender Temperaturen und unsicherer Schneeverhältnisse könnten solche Angebote künftig noch wichtiger werden.

 

Übernachten – länger bleiben statt kurz konsumieren

Eine zentrale Frage für stark frequentierte Regionen lautet: Wie unterscheidet sich ein Urlaubsgast von einem Tagesbesucher?

Wer mehrere Tage bleibt, nutzt Unterkünfte, Gastronomie und regionale Angebote. Dadurch entsteht eine deutlich höhere lokale Wertschöpfung als bei einem kurzen Ausflug mit dem Auto.

Nachhaltige Tourismusentwicklung kann deshalb auch bedeuten, weniger auf maximale Besucherzahlen und stärker auf Aufenthaltsqualität zu setzen.

Familiengeführte Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen sind dafür besonders wichtig.

Wer zusätzlich regionale Produkte verwendet, Energie spart und Mitarbeiter aus der Region beschäftigt, verstärkt den positiven Effekt.

Aus „mehr Gästen“ wird dann eine andere Zielsetzung: mehr Wertschöpfung pro Gast bei geringerer Belastung der Region.

 

Kulinarik – die Landschaft auf dem Teller

Oberbayern besitzt eine starke landwirtschaftliche Tradition.

Milchviehhaltung, Almwirtschaft, Fischerei und kleine Lebensmittelproduzenten prägen die Region bis heute.

Auf den Speisekarten finden sich Käse und Milchprodukte, Fisch aus regionalen Gewässern, Wild, Fleisch aus heimischer Landwirtschaft sowie saisonales Gemüse.

Gerade in touristisch stark entwickelten Regionen ist die Herkunft der Lebensmittel entscheidend.

Ein Restaurant, das Produkte aus der Umgebung bezieht, schafft einen direkten wirtschaftlichen Zusammenhang zwischen Tourismus und Landwirtschaft.

Der Gast finanziert damit nicht nur eine Mahlzeit, sondern indirekt auch den Erhalt regionaler Betriebe und Kulturlandschaften.

 

Nachhaltigkeitsfaktor – nicht jeder Besucher ist gleich

Tegernsee, Schliersee und Spitzingsee machen einen wichtigen Punkt deutlich: Nachhaltigkeit lässt sich nicht allein an der Zahl der Gäste messen.

Entscheidend ist, wie Menschen reisen.

Ein Gast, der mit der Bahn anreist, mehrere Nächte bleibt, regionale Gastronomie nutzt und zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, hinterlässt einen anderen Fußabdruck als ein Tagesbesucher, der mit dem Auto anreist, wenige Stunden bleibt und anschließend wieder zurückfährt.

Für beliebte Destinationen könnte genau darin eine wichtige Zukunftsstrategie liegen.

Nicht möglichst viele Menschen an möglichst wenigen Orten konzentrieren, sondern Besucher besser verteilen, Aufenthalte verlängern und klimafreundliche Mobilität attraktiver machen.

 

Klimawandel – auch die Voralpen verändern sich

Der Klimawandel betrifft nicht nur Gletscherregionen.

Auch in den Bayerischen Voralpen verändern steigende Temperaturen Wälder, Wasserhaushalt und Wintersport.

Trockenperioden belasten Bäume, Starkregen kann Wege und Hänge beschädigen und schneearme Winter stellen klassische Wintersportangebote infrage.

Tourismusregionen müssen deshalb langfristiger denken.

Wandern, Radfahren, Gesundheit, Kulinarik und Naturerlebnisse funktionieren weitgehend unabhängig von künstlicher Beschneiung und könnten künftig noch stärker an Bedeutung gewinnen.

Nachhaltigkeit wird damit nicht nur zur ökologischen Aufgabe, sondern zur wirtschaftlichen Notwendigkeit.

 

Schönheit braucht ein gutes Management

Tegernsee, Schliersee und Spitzingsee gehören zu den schönsten Seenlandschaften Deutschlands. Gerade ihre Popularität macht sie aber zu einem interessanten Beispiel für die Zukunft des Tourismus.

Denn die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur: Wie bekommen wir mehr Gäste?

Sie lautet zunehmend: Wie ermöglichen wir Menschen ein besonderes Erlebnis, ohne dabei genau jene Landschaft und Lebensqualität zu gefährden, wegen der sie gekommen sind?

Die Region besitzt dafür einen entscheidenden Vorteil: Sie ist bereits hervorragend mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar.

Wer mit der Bahn kommt, länger bleibt, regionale Betriebe unterstützt und die Landschaft zu Fuß oder mit dem Fahrrad entdeckt, erlebt nicht weniger.

Im Gegenteil.

Vielleicht beginnt nachhaltiges Reisen genau dort: nicht möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu sehen, sondern einem Ort wieder genügend Zeit zu geben.

 

Mehr Informationen: https://www.tegernsee-schliersee.de/

 

Nächste Folge: Rügen – Kreidefelsen, Buchenwälder und die Frage, wie nachhaltiger Tourismus an Deutschlands beliebtester Ferieninsel funktionieren kann.

Wenn regionale Wolle wieder einen Wert bekommt

Wenn regionale Wolle wieder einen Wert bekommt

Vor wenigen Tagen habe ich im Podcast „{ungeskriptet}“ ein Gespräch mit Marco Scheel gehört. Darin erzählte der Gründer von Nordwolle mit großer Begeisterung von einem nachhaltigen Projekt, das zeigt, wie regionale Wertschöpfung konkret funktionieren kann.

 

Ein Rohstoff, der kaum noch einen Wert besitzt

Während Schafwolle über weite Strecken nach Europa importiert wird, findet heimische Wolle vielerorts kaum noch Abnehmer. Für zahlreiche Schäfereien decken die Erlöse nicht einmal die Kosten der notwendigen Schur. Der regionale Rohstoff wird deshalb teilweise als Dünger verwendet oder entsorgt.

Marco Scheel wollte das nicht hinnehmen. Seit 2013 produziert Nordwolle in Mecklenburg-Vorpommern Outdoor-Bekleidung aus der Schurwolle alter und gefährdeter Landschafrassen. Begonnen hat die Geschichte mit dem Grauwolligen Pommerschen Landschaf.

Weil es für diese Wolle kaum Verarbeitungsbetriebe und Absatzmöglichkeiten gab, eignete sich Scheel traditionelle Techniken selbst an. Schließlich kaufte er 200 Kilogramm Pommernschaf-Wolle und ließ daraus den ersten eigenen Loden herstellen. Heute verbindet Nordwolle diesen regionalen Rohstoff mit modernen Fertigungsverfahren.

 

Natürlich statt künstlich gefärbt

Auf künstliche Färbung wird verzichtet. Stattdessen werden die natürlichen Farben der unterschiedlichen Schafrassen bewusst zum Bestandteil der Produkte. Aus einem vermeintlichen Nachteil entsteht so ein charakteristisches Merkmal.

Das Projekt verbindet mehrere ökologische und wirtschaftliche Ziele:

• Ein regionaler und nachwachsender Rohstoff wird genutzt, statt entsorgt.

• Kurze Lieferketten reduzieren die Abhängigkeit von importierter Wolle.

• Alte und gefährdete Landschafrassen erhalten wieder einen wirtschaftlichen Wert.

• Die Schafe leisten einen wichtigen Beitrag zur Pflege von Wiesen, Deichen und Kulturlandschaften.

• Langlebige Naturtextilien bieten eine Alternative zu kurzlebiger Kleidung aus synthetischen Fasern.

 

Überzeugung als Ausgangspunkt

Was im Podcast besonders spürbar wurde, war die persönliche Überzeugung hinter dem Projekt. Nordwolle entstand nicht als kurzfristige Geschäftsidee, sondern aus der Begeisterung für Schafe, regionale Rohstoffe und traditionelle Verarbeitung.

Das Beispiel zeigt, wie Kreislaufwirtschaft praktisch funktionieren kann: Ein vorhandener Rohstoff, der wirtschaftlich fast bedeutungslos geworden war, wird wieder Teil einer regionalen Wertschöpfungskette.

Nachhaltige Innovation bedeutet nicht immer, etwas völlig Neues zu erfinden. Manchmal besteht sie darin, den Wert dessen wiederzuentdecken, was längst vorhanden ist.

Mehr über das Projekt: Nordwolle

Klimawandel wird zum Kostenfaktor – Europas Extremsommer trifft die Wirtschaft

Klimawandel wird zum Kostenfaktor – Europas Extremsommer trifft die Wirtschaft

Hitze, Dürre, Waldbrände und niedrige Wasserstände sind längst nicht mehr nur ein ökologisches Problem. Die Folgen des Klimawandels erreichen zunehmend Landwirtschaft, Unternehmen und private Haushalte – und werden damit zu einem wirtschaftlichen Faktor.

UN-Klimachef Simon Stiell warnte diese Woche im Europäischen Parlament davor, dass Europas extremer Sommer den Preisdruck zusätzlich verstärken kann. Ernteverluste, steigender Energiebedarf, Schäden an Infrastruktur und höhere Kosten für die Anpassung an Extremwetter wirken sich zunehmend auf die europäische Wirtschaft aus.

 

Besonders sichtbar wird diese Entwicklung derzeit in der Landwirtschaft.

Hitze und Dürre drücken die Ernten

Nach aktuellen Daten des Joint Research Centre der Europäischen Kommission haben außergewöhnliche Hitze und Wassermangel die Aussichten für Sommerkulturen in großen Teilen West- und Mitteleuropas deutlich verschlechtert.

Betroffen sind unter anderem Frankreich, Deutschland, Italien, Österreich, Tschechien, die Slowakei, Ungarn und Rumänien.

Bei einzelnen Sommerkulturen liegen die prognostizierten EU-Erträge mittlerweile bis zu 14 Prozent unter dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. In besonders stark betroffenen Regionen sind sogar lokale Ernteausfälle möglich.

Auch Weiden und Grünland leiden unter der Trockenheit. Damit steigt zusätzlich der Druck auf die Versorgung mit Futtermitteln.

 

Wasser wird zum Wirtschaftsfaktor

Mitte August herrschten laut Europäischer Dürrebeobachtungsstelle in weiten Teilen Europas weiterhin kritische Dürrebedingungen. Alarmstufen bestanden unter anderem in Frankreich, Süddeutschland, Norditalien sowie in großen Teilen des Donauraums – einschließlich Österreich.

Gleichzeitig erreichten mit Rhein, Donau, Loire und Po vier der großen europäischen Flüsse im August außergewöhnlich niedrige Wasserstände.

Das betrifft nicht nur die Natur. Niedrige Flusspegel können Schifffahrt und Lieferketten beeinträchtigen, die Stromproduktion erschweren und die Verfügbarkeit von Wasser für Landwirtschaft und Industrie einschränken.

 

Klimarisiken werden zu Preisrisiken

Damit entsteht eine Entwicklung, die Verbraucher zunehmend direkt spüren können.

Sinkende Ernten können Lebensmittel verteuern. Hitze erhöht den Strombedarf für Kühlung. Niedrige Wasserstände können Transportkosten erhöhen. Waldbrände, Überschwemmungen und andere Extremereignisse verursachen Schäden an Gebäuden und Infrastruktur und erhöhen langfristig den Druck auf Versicherungen und öffentliche Haushalte.

Der Klimawandel wird damit zunehmend auch zu einem Preisrisiko.

 

Daten & Fakten

• bis zu 14 Prozent niedrigere Ertragsprognosen bei einzelnen Sommerkulturen gegenüber dem Fünfjahresdurchschnitt

• schwere Auswirkungen von Hitze und Wassermangel unter anderem in Österreich, Deutschland, Frankreich, Italien, Tschechien, der Slowakei und Ungarn

• kritische Dürrebedingungen in großen Teilen Europas

• außergewöhnlich niedrige Wasserstände bei Rhein, Donau, Loire und Po

• zunehmende Belastungen für Landwirtschaft, Energieversorgung, Transport und Infrastruktur

 

Conclusio

Die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels werden oft erst sichtbar, wenn Lebensmittel teurer werden, Versicherungsprämien steigen oder Unternehmen ihre Produktion und Lieferketten anpassen müssen.

Doch genau diese Entwicklung findet bereits statt.

Klimaschutz und Klimaanpassung sind deshalb nicht mehr nur Umweltpolitik. Sie werden zunehmend zu einer wirtschaftlichen Frage: Wie hoch werden die Kosten, wenn Europa seine Infrastruktur, Landwirtschaft und Energieversorgung nicht schnell genug an ein wärmeres und extremeres Klima anpasst?

Die entscheidende Frage lautet damit immer weniger, ob Klimawandel Geld kostet – sondern wie hoch die Rechnung am Ende ausfallen wird.

 

Bild: Simon Stiell, UN-Klimachef | © European Union, 2026 / Claudio Centonze | CC BY 4.0